Vorgehen der Koalition könnte für Fortbestehen der Föderation schwerwiegende Folgen haben
Analyse: Djindjic setzt sich im Machtkampf um Milosevic-Auslieferung durch

Mit entschlossener Eile hat sich der serbische Ministerpräsident Zoran Djindjic im Machtkampf um die Auslieferung von Ex-Präsident Slobodan Milosevic durchgesetzt. Als neuer starker Mann überging er dabei weitgehend den jugoslawischen Präsidenten Vojislav Kostunica, der bis zuletzt zögerte und Verfassungsvorbehalte vorschob. Kostunica soll die Übergabe seines Vorgängers an das Kriegsverbrechertribunal aus den Medien erfahren haben, meldete die Nachrichtenagentur Tanjug.

dpa BELGRAD. Djindjic stand unter zweiseitigem Druck. Einerseits musste er sich gegen die Hardliner durchsetzen, die nach dem Spruch des Verfassungsgerichts mit einer vorläufigen Aussetzung der Auslieferung wieder neue Hoffnungen schöpften. Andererseits wollte er sich die von der am Freitag beginnenden Brüsseler Geberkonferenz für Jugoslawien winkenden Milliarden nicht entgehen lassen.

Auch im Blick auf das Geld mahnte Djindjic, es gehe um die Zukunft und den Wohlstand Jugoslawiens. "Wir hätten eine große Peinlichkeit bei der Geberkonferenz riskiert, wenn die Geber ihre Beteiligung abgesagt hätten." Nach der Auslieferung scheint nun auch für Washingtons Teilnahme nichts mehr im Weg zu stehen.

Das Vorgehen der DOS-Koalition unter Djindjic könnte für das Fortbestehen der jugoslawischen Föderation schwerwiegende, noch nicht absehbare Folgen haben. Die montenegrinische Sozialistische Volkspartei SNP hatte schon zuvor mit dem Verlassen der Regierung gedroht. "Die Auslieferung ist Verfassungsbruch und wird schwerwiegende Folgen haben", drohte der SNP-Politiker Zoran Knezevic am Donnerstagabend im Belgrader Fernsehen. Der Bundesstaat aus Serbien und Montenegro hat aufgehört zu bestehen, kommentierte ein Journalist, als bekannt wurde, dass Milosevic seine Belgrader Zelle mit der in einem Gefängnis im niederländischen Scheveningen vertauscht.

Für Milosevic wird sich die Stimmung am Donnerstag in wenigen Stunden dramatisch geändert haben. Erst gab das Verfassungsgericht ihm wieder Mut, dann wurde er plötzlich aus dem Gefängnis abgeholt und außer Landes geflogen. Er wird jetzt der erste Staatschef sein, der vor das Kriegsverbrechertribunal kommt.

Über dem Datum des 28. Juni liegt für Serben eine Symbolik: Einerseits wurde an diesem Tag im Jahr 1389 das serbische Kaiserreich auf dem Amselfeld von den Türken geschlagen. Vor genau 12 Jahren, am 28. Juni stand Milosevic vor einer Million Anhänger wiederum auf dem Amselfeld und versprach die Verwirklichung seines Traums von einem Großserbien.

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