Vorräte von Ernst sind erstaunlich
Berlin nimmt Maß

Die Hauptstadt ist auf dem Weg zum Stil: mit dem von Hand gearbeiteten Schuh. Der Berliner Maßschuhmacher Jürgen Ernst setzt auf ganz ausgefallene Materialien. Denn Schuhe kann man offensichtlich aus allem machen, was so kreucht und fleucht, nicht nur aus Fischen, sondern auch aus Schlangen, Pferden oder Vögeln.

Das soll mal ein Fisch gewesen sein? Groß und glänzend, besetzt mit schimmernden Plättchen, liegt das Leder in der Maßschuhmacherei von Jürgen Ernst. "Stachelrochen", sagt er, "der hat auf seiner Oberfläche lauter Perlen. Die hier wurden geschliffen und poliert." Die Schuhe, die er daraus anfertigen wird, müssen ein Traum sein. Und "unverwüstlich, dies Leder ist sehr haltbar."

Die Vorräte von Ernst sind erstaunlich. Schuhe kann man offensichtlich aus allem machen, was so kreucht und fleucht, nicht nur aus Fischen, sondern auch aus Schlangen, Pferden oder Vögeln: Der Strauß zum Beispiel hinterlässt ein festes, griffiges Leder, mit Noppen, wo einst die Federkiele saßen. Und das Pferd gibt das wohl berühmteste Schuhleder, das Cordovan. Wer das haben will, muss noch einmal 250 Euro drauflegen, zu den 1 200 Euro, die so ein Paar handgearbeiteter, rahmengenähter Prachtstücke kostet.

Das knallrote Schlangenleder, das auch einmal hier lag, ist nur noch im Kino zu bewundern. Daraus bekam Jürgen Vogel für seine Rolle als Bösewicht in "Emil und die Detektive" ein Paar Cowboystiefel. "Zum Nadelstreifenanzug war das sein Markenzeichen."

Klassisches Handwerk ist wieder gefragt

Keine Frage: Das klassische Handwerk ist wieder gefragt. Es gibt wieder Maßschuhmacher, auch und gerade in Berlin. Der Privatier mit dem nötigen Kleingeld trägt die teuren Treter ebenso gern wie die Größen der Filmbranche. Und die wenden sich besonders gern an den Meister aus dem Tiergarten. Neuestes Highlight aus der Welt der schönen Künste: Martin Luther. Ernst schusterte für ihn, für den Papst, Karl den Großen und Friedrich den Weisen. Der Film mit Schauspielern wie Peter Ustinov - "ein Super-Typ!" -, Joseph Fiennes, Uwe Ochsenknecht und Bruno Ganz soll im Herbst in die Kinos kommen.

"Nichts auf die Spitze treiben"

Der Job war eine ungeahnte Herausforderung wegen der speziellen Schuhmode zur Zeit des großen Reformators. Spitze Schnabelschuhe waren gerade out, also hieß es: nichts auf die Spitze treiben. Das Gegenteil war gefragt: "Kuhmaulschuhe". Für die Kostümprobe hatte Ernst Probeschuhe angefertigt, aber "so etwas wirkt heute fast wie eine Karikatur. Oder ultramodern wie von Gucci." Das, fand man, passt nicht zu Luther. Also wurde auf die 100-prozentige historische Genauigkeit kurzerhand verzichtet. Macht nichts: "Die wenigsten Leute wissen ja, wie das so aussah."

Irgendwann hat das Geschäft von Jürgen Ernst zu brummen angefangen. Seinen Werkstattladen in der Kurfürstenstraße hat er nur halb eingerichtet - zu viel zu tun. Den großen Tisch im Ladenraum hat er noch mit dunkelblauem Leder bezogen, festgeklopft mit einer langen Reihe Schusternägel. Aber das zweite Schaufenster, das blieb leer. "Keine Zeit zum Dekorieren", sagt er etwas verlegen.

Ernsts Werkstatt ist antik

Die Werkstatt ist antik: Zwei Uralt-Nähmaschinen stehen drin: mechanisch, noch ohne Strom, zum Antreten. "Die sind fast nicht kaputtzukriegen, die müssen bloß manchmal gewartet werden", sagt er. Wenn er an seinem winzigen Arbeitstisch sitzt, hat er die Schuhe der Passanten in Augenhöhe.

Neben dem Fenster hängen 40 oder 50 kleine Werkzeuge. "Das sind nur die, die ich am häufigsten brauche", sagt er. Das sind Nadeln und Hanffäden, die er selbst mit Schusterpech einreibt, Ahlen und kleine Rädchen, Zangen, gebogene Feilen, seltsam geformte Messer und allerlei fremdartige Geräte wie Brenneisen, Rouletten für Rillenmuster und Ausleisthaken.

"Die braucht man, um den Leisten nachher aus dem fertigen Schuh herauszuziehen. Der kommt da nämlich nicht freiwillig raus", sagt Jürgen Ernst und zieht die Stirn kraus. Er ist ziemlich kräftig, fit hält er sich mit Bergsteigen, doch mit einem echten Maßschuh muss auch er hart kämpfen.

Der Leisten ist das Geheimnis

Kein Wunder, wenn man bedenkt, wie der entsteht: "Kleidung aus Stoff bekommt ihre Form vor allem durch den Schnitt. Aber ein Schuh wird erst dann zum Schuh, wenn ich ihn über den Leisten ziehe." Der Leisten ist das Geheimnis eines guten Maßschuhs, denn er wird genau dem Fuß des Kunden nachgeformt: Lange Zehen, ein hoher Spann oder auch ein Überbein vom Joggen in zu engen Schuhen - alles muss stimmen. Was zu viel ist, schmirgelt die Schleifmaschine fort, was fehlt, wird aus Kork angeklebt. Wenn der Leisten fertig ist, sieht er aus wie ein Stück Patchwork und wird mit einem Probeschuh bei einer Anprobe kontrolliert.

Seine einzigartige Passform erhält der handgefertigte Maßschuh, indem der Schuster das Leder mit der "Zwickzange" straff um den Leisten herum in Form zieht und an ihm festnagelt. Dabei nimmt es die Form des Fußes an, samt hohem Spann und Überbein, und verliert den überflüssigen Zug: Leder ist dehnfähig, und wenn der Schuh erst einmal fertig ist, darf es nicht mehr ausleiern.

Im nächsten Schritt befestigt Ernst die Sohle am Schaft, indem er einen Lederstreifen, den "Rahmen" mit der Hand dazwischennäht. Dabei entfernt er nach und nach die vielen Nägel, mit denen er den Schaft an den Leisten genagelt hat. Am Ende hofft er inbrünstig, dass er keinen Nagel vergessen hat, steckt den Ausleisthaken in den Leisten und zieht ihn heraus. "Im Krieg hat man die Nägel aufgehoben und wieder gerade geklopft", erzählt er.

Maßschuhmacher in Berlin

Maßschuh ist nicht gleich Maßschuh, was natürlich auch eine Kostenfrage ist: Über die einzelnen Herstellungsverfahren sollte man sich vor dem ersten Anpassen genau informieren. Schuhmacher wie Alexander Breitenbach bieten neben den Maßschuhen traditioneller Art auch solche an, die nicht über einen dem Fuß nachgeformten Leisten gezogen werden und deren Rahmen nicht mit der Hand, sondern mit der Maschine genäht werden. Die folgenden Maßschuhmacher stellen nach eigenen Angaben mindestens 20 Paar Maßschuhe jährlich her - womit keine orthopädischen Schuhe gemeint sind.

Jürgen Ernst, Tiergarten, Kurfürstenstraße 19, Anmeldung unter Tel. 030/262 41 75, www.derherrderschuhe.de

Kirstin Hennemann, Mitte, Sophienstr. 28/29, Anmeldung unter Tel. 030/40042861, www.massschuhmacherei.de

Paul Tiergarten, Meinekestr. 3, Anmeldung unter Tel. 030/8814420, www.paul-koerting.com

Meier+Schöpf, Kreuzberg, Manteuffelstr. 41, Anmeldung unter Tel. 030/6115718

Maßschuhmacherei Müller, Neukölln, Richardstr. 111, Anmeldung unter Tel. 030/68111 77

Alexander Breitenbach (Werkstätten außer Haus), Charlottenburg, Mommsenstraße 4, Anmeldung unter Tel. 030/88679434, www.massschuhe.net

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