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Vorsicht Chaos!

Zuviele Regeln führen in die Erstarrung, zu wenige ins Chaos. Wie Manager die Balance finden, erläutert IT-Unternehmer Prof. August-Wilhelm Scheer (Foto) am Beispiel des Jazz.

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Wie muss sich ein Managementteam organisieren, um hohe Flexibilität zu erzielen? Wie lässt sich verhindern, dass Mitarbeiter und Kunden durch zu viele Ideen verwirrt werden und keine Strategie mehr erkennbar ist? Wie der Gefahr von Routine entkommen? Antworten auf diese Fragen kann man nicht nur in modernen Organisationstheorien finden, sondern auch im Jazz. Eine Jazz-Band ist Quelle ständig sich erneuernder Kreativität, deren Ursprung in einem Minimum an Regeln und einem Maximum an Kommunikation und Interaktion liegt. Eine Band funktioniert ähnlich wie eine Managementgruppe: Jeder Musiker ist Spezialist auf seinem Instrument. Obwohl er nur wenig von den Instrumenten der anderen versteht, erzeugt er gemeinsam mit ihnen interessante Ergebnisse. Spezialisten für einzelne Ressorts Auch ein Vorstand besteht aus Spezialisten für die einzelnen Ressorts und Fragestellungen: Finanzen, Personal, Produktion, Forschung und Entwicklung. Ein zu lösendes Problem erfordert meistens mehrere dieser Kompetenzen. Wenn jeder für seinen Aufgabenbereich ein Konzept entwickelt, ist dies noch lange keine Unternehmensstrategie. Das Managementteam muss sich treffen, die Argumente austauschen und emotionale Diskussionen bis hin zu hitzigen Streitgesprächen führen, um wirklich neue Ideen hervorzubringen. Eine detaillierte Tagesordnung mit festgeschriebenen Redezeiten ist diesem Prozess abträglich. Das Team muss sich am Rande des Chaos bewegen - und den Mut haben, neue Dinge auszuprobieren. Eine Jazz-Band erzeugt mit extrem wenigen Regelungen höchste kreative Gemeinschaftsleistungen. Der Koordinationsbedarf ist gering, weil die wichtigsten Regeln durch das Thema des zu spielenden Stückes festgelegt sind. Ein guter Jazz-Improvisator kennt die Harmoniefolgen der Standardthemen auswendig und kann innerhalb der Harmoniefolgen neue Melodien ad hoc erfinden. Natürlich kann das auch mal schief gehen, wie auch nicht jede Idee zu einem erfolgreichen Produkt führt. Jazz lebt von der Kreativität und vom ständigen Lernen der Musiker, die bei Neuem nicht ängstlich sind, Fehler zu machen. Spontanität ist gefragt Auch im Management kommt es darauf an, dass situativ spontan reagiert werden kann. Bestehen in einer Organisation zu viele Regeln, sind alle Arbeitsabläufe festgelegt. Eine schnelle Reaktion auf unerwartete Situationen droht an zementierten Strukturen zu scheitern. Das Problem vergrößert sich, wenn zudem wenig kommuniziert wird. Andererseits herrscht pures Chaos, wenn jeder regellos und unabgestimmt macht, was er für richtig hält. Die Balance des Erfolgs hängt von der richtigen Dosierung kreativer Einzelleistung und koordiniertem Vorgehen, von Kommunikations- und Regelungsintensität ab. Die Freejazzer empfanden die Koordination als zu stark reglementierend, weshalb die Gruppe ohne vorgegebene Struktur improvisierte. Da dies alle Musiker gleichzeitig taten, ergab sich eine überhöhte Interaktion. Für viele Hörer war man im Chaos gelandet; sie konnten die Struktur nicht erkennen und deshalb die Musik nur schwer verstehen. So war denn auch diese Musikrichtung nicht dauerhaft und hat wieder zu einer strukturierten Form am Rande des Chaos zurückgefunden. Gefährliche Routine Die andere Gefahr heißt Routine. Je länger eine Jazz-Band miteinander musiziert, desto größer ist das Risiko, dass sie sich in verfestigten Regeln und Klischees verliert. Was einmal innovativ und kreativ war, birgt die Gefahr der Wiederholung des immer Gleichen. So hatte eine so fantastische Band wie das Oscar Peterson Trio nach einiger Zeit ihren erfolgreichen Stil gefunden und kopierte sich nur noch selbst. Deshalb muss sich eine Gruppe mit ungewohnten Situationen konfrontieren, in denen sie eingeübte Muster verlässt. Vom legendären Trompeter Miles Davis erzählt man sich, dass er bei einer Aufnahmesession häufig völlig neue Titel und Konzepte einbrachte. Miles Davis zählt zu den innovativsten Jazzmusikern und hat mehrfach stilbildend gewirkt. Mitte der 40er Jahre entwickelte er mit Charlie Parker und anderen den Bebop, wenige Jahre später den Cooljazz, 1959 mit "Kind of Blue" den modalen Jazz und später mit Herbie Hancock und Chick Corea den Rockjazz. Auch ein Managementteam, das im Korridor von Regeln und Spontanität operiert, kann aus dem Gleichgewicht kommen. Regelloses Verhalten, bei dem niemand einen gemeinsamen Koordinationsbedarf akzeptiert, führt zu widersprechenden Entscheidungen und Aktionen, also ins Chaos. Stereotypen indes bergen das Risiko der Erstarrung. Die Konfronation mit ungewohnten Situationen kann auch im Business neue Impulse bringen. Von British Airways wird berichtet, dass bei einem Managementseminar die Hotelbetten aus dem Zimmer geräumt wurden und alle Teilnehmer in Flugzeugsitzen übernachten mussten. Eine Extremsituation, um neu über den Sitzkomfort nachzudenken. So wäre sicherlich auch spannend, wenn das Management von Softwareunternehmen gezwungen würde, in einem Strategieseminar die eigenen Programme anzuwenden. Gleichgewicht zwischen Flexibilität und Stabilität Das Gleichgewicht zwischen Flexibilität und Stabilität zu halten ist ein ständiger, aber notwendiger Kampf. In der Hightech-Welt überlebt nur, wer sich neuen Technologiewellen öffnet. Bei einem Innovationsschub führend zu sein, reicht für langfristigen Erfolg nicht aus. So war Digital Equipment der Pionier bei vernetzten Kleincomputern und einst zweitgrößter Hardwarehersteller der Welt. Doch die Innovation mit standardisierten Betriebssystemen, Datenbanken und Netzwerken hatte DEC verschlafen - und wurde alsbald an Compaq verkauft. (*) 1985 legte der gebürtige Westfale Prof. Dr. Dr. h.c. mult. August-Wilhelm Scheer den Grundstein für die IDS Scheer AG. Seit November 1999 ist Scheer Beauftragter des Ministerpräsidenten des Saarlandes für Innovation, Technologie und Forschung. Lesen Sie mehr über den leidenschaftlichen Jazz-Musiker in seinem Portrait weiter ...

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