Vorsprung der Dividendenpapiere aus der Vergangenheit nicht zwingend abzulesen
Aktien schlagen Renten – manchmal

Die "Börsenstory" – eine moderne Form des Mythos – ist aus der Mode gekommen, der nüchterne Blick auf Zahlen und Fakten wieder gefragt. Und dabei zeigt sich: Wer langweilige Anleihen kauft, liegt auch langfristig nicht unbedingt falsch. Aktien sind aber nach wie vor aus steuerlicher Sicht interessant.

HB DÜSSELDORF. Zu den Weisheiten vieler Geldberater und Finanzjournalisten gehört die Aussage, dass langfristig Aktien mehr Gewinn abwerfen als Renten, also festverzinsliche Wertpapiere. Darauf baut sich die Strategie vieler Anleger auf: langfristige Anlage in Aktien oder Aktienfonds für die Altersvorsorge, mittelfristige Anlage in Rentenpapieren, um eine stabile, jederzeit greifbare Reserve zu haben.

Die Fondsbranche bestätigt diese Grundregel mit ihren Zahlen. Nach einer Mitteilung des Bundesverbands deutscher Investmentgesellschaften vom Oktober erbrachten deutsche Aktienfonds in zehn Jahren durchschnittlich 129,7 % Ertrag, deutsche Rentenfonds dagegen nur 97,7 %.

Mit der weltweiten Börsenflaute ist diese Weisheit in Misskredit geraten – ist die Aktie wirklich so gut? Wer die Antwort in den Zahlen der Vergangenheit sucht, stellt sehr schnell fest, dass sie vom betrachteten Zeitraum abhängig ist: In den 70-er Jahren war die Börse schwach, in den 90-ern stark. Außerdem kommt es sehr darauf an, wann gemessen wird: Wenn die Aktienkurse gerade weit oben sind, dann sehen Aktien über alle vergangenen Zeiträume hinweg gut aus. Zumindest den zweiten Effekt, die Abhängigkeit vom Zeitpunkt der Messung, kann man methodisch ausschalten. So wurde speziell für diesen Artikel mit Hilfe des Rentenindex Rex (in der Variante mit Wiederanlage der Erträge) und des Aktienindex Dax (der ohnehin mit Wiederanlage berechnet wird) verglichen, wie Anleger in den vergangenen 30 Jahren abgeschnitten haben, wenn sie zehn Jahre lang deutsche Renten oder Aktien besessen haben. Grundlage der Berechnung waren durchschnittliche Quartalswerte. Es ergaben sich so 99 verschiedene Zehnjahreszeiträume, angefangen vom ersten Quartal 1967 bis 1977 und endend mit der Strecke drittes Quartal 1991 bis drittes Quartal 2001. Das Ergebnis: In 42 dieser 99 Zeiträume lagen Anleihen besser als Aktien. Noch frappierender: Aktien brachten durchschnittlich 110,7 %, Renten 108,6 % – kaum ein Unterschied. Dabei schwanken die Werte für die Aktien zwischen minus 19 % und plus 406 %, während die Renten gleichmäßig in etwa eine Verdoppelung des Kapitals erbrachten.

Für Zeiträume von 20 Jahren ergibt sich folgendes: In 32 von 59 Perioden, also mehr als der Hälfte, haben die Renten die Aktien geschlagen. Dafür zeigt sich ein höherer durchschnittlicher Ertrag der Aktien gegenüber den Renten, nämlich 379,2 % gegenüber 335,1 %. Interessant: In keinem Fall hat der Dax über 20 Jahre einen Verlust erbracht.

Steuerliche Aspekte nicht übersehen

Fazit: Die Aktien zeigen zumindest für deutsche Verhältnisse allenfalls eine leichte Überlegenheit. Dass sie Rentenpapiere auf lange Sicht "immer" schlagen, ist Unsinn. Wer sich also den Stress der Aktienanlage erspart und statt dessen auf Anleihen setzt, handelt durchaus rational.

Allerdings darf man den steuerlichen Aspekt nicht übersehen: Aktien, die länger als ein Jahr im Depot (so lange dauert die "Spekulationsfrist") liegen, liefern einen hohen Teil ihrer Erträge in Form von steuerfreien Kursgewinnen. Andererseits: Gut 35 000 € kann man zu 4,5 % anlegen, ohne den Sparerfreibetrag einschließlich Werbungskostenpauschale von 1 601 € (bei Ehepaaren 3 202 €) zu überschreiten; mit speziellen steueroptimierten Rentenfonds, die manche Fondsgesellschaften anbieten, lässt sich dieser Spielraum noch erweitern.

Die Fondsbranche verweist gerne auf den "Cost-average-Effekt" der Aktienfondssparpläne, der gerade durch die Kursschwankungen entsteht: Für die gleich bleibenden Raten werden bei niedrigen Kursen relativ viele Aktienfondsanteile und bei hohen relativ wenige gekauft, so dass sich ein günstiger durchschnittlicher Einkaufskurs ergibt. Der Vorteil relativiert sich aber, wenn man die Sache zu Ende denkt: Wer sich im Ruhestand das Geld über einen Auszahlplan mit gleichmäßigen Raten zurückholt, für den ergibt sich der umgekehrte Effekt – die Fondsanteile werden zu niedrigen Kursen verkauft. Natürlich kann man auch vor dem Ruhestand sein Vermögen von Aktien- in Rentenfonds umschichten. Aber niemand garantiert dem Anleger, dass er dabei günstige Kurse erwischt.

Fazit: Rationale Anleger kaufen Aktien oder Aktienfonds hauptsächlich aus steuerlichen Gründen.

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