Vorstand der Bertlelsmann AG
Ewald Walgenbach: Middelhoffs Troubleshooter

Der Mann hat ein Faible für Probleme - und für deren Lösung. Immer, wenn im Gütersloher Medienkonzern etwas nicht so läuft, wie es soll, muss Walgenbach ran.

GÜTERSLOH. Das wertvollste Geschenk kam etwas zu früh. Vier Tage vor seinem 43. Geburtstag hat der Aufsichtsrat der Bertelsmann AG Ewald Walgenbach gestern in den Vorstand des Medienkonzerns berufen. Dort soll er künftig das Tagesgeschäft führen. Der Umzug in das Machtzentrum nach Gütersloh bedeutet für den derzeitigen Chief Operating Officer (COO) der luxemburgischen RTL Group den bisherigen Höhepunkt seiner Karriere.

Diese ist geprägt durch beständigen Neuanfang. Wie magisch angezogen landete Walgenbach immer gerade da, wo es nach Ärger roch oder ein Feuerwehrmann gebraucht wurde. Begriffe wie "restrukturieren" oder "sanieren" sind für ihn ganz normale Vokabeln.

Und sie verfolgen ihn wie ein lästiger Schatten. Wer einmal bewiesen hat, dass er eine Fusion erfolgreich begleiten, Synergien freisetzen und Gewinne steigern kann, den lässt man ungern etwas anderes machen. Man ahnt, was Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff von seiner neuen rechten Hand erwartet: Walgenbach soll die Integrationsarbeit auf höherer Konzernebene fortsetzen, die er bei der Tochter RTL bereits geleistet hat.

Angst vor dem Risiko oder vor "unschönen Brüchen" im Lebenslauf hatte Walgenbach nie. Er wirkt offen, fast unbekümmert. Sein Händedruck ist fest, im Gespräch sucht er den Blickkontakt, studiert sein Gegenüber. Er will wissen, mit wem er es zu tun hat. Er habe, heißt es bei RTL, ein Gespür für den Umgang mit Menschen. Ein integratives Talent, das hilft, auch komplexe Probleme einvernehmlich zu lösen.

Nach dem Wehrdienst - im Rückblick spricht er von einer "verlorenen Zeit" - entschied sich Panzerfahrer Walgenbach, Naturwissenschaften zu studieren. Am Max-Planck-Institut in Köln promovierte er. Dort war er Mitarbeiter an einem damals höchst umstrittenen Forschungsprojekt: Er begleitete wissenschaftlich die ersten kontrollierten Freilandversuche mit genetisch manipulierten Pflanzen.

Nach einem kurzen Intermezzo als Unternehmensberater bei Boston Consulting wechselte Walgenbach 1992 in die Industrie. Als Geschäftsführer bei Boehringer Ingelheim sanierte der damals 33-Jährige den Chemiebereich. Eine harte Schule. Walgenbach lernte hautnah, was es heißt, gegen massive Widerstände Standorte zu schließen, Arbeitsplätze abzubauen und dennoch für einen fairen Interessenausgleich zu sorgen. Kahlschlag-Methoden, sagt Walgenbach, verabscheue er.

"Er analysiert und handelt zügig, kann Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden", lobt ein Kollege. Gleichwohl strebt Walgenbach nach eigenem Bekunden so lange wie möglich nach einer vernünftigen Lösung. Es sei deshalb fast unmöglich, Streit mit ihm zu bekommen. Sein Motto: "Man sieht sich immer zweimal im Leben".

Doch gibt es Krach, ist der Bruch meist endgültig. Dann ist Walgenbach regelrecht nachtragend, heißt es. Wie gesagt: Man sieht sich immer zweimal.

Zu Bertelsmann kam er 1994. Und wieder landete er - nach kurzer Station bei der zentralen Unternehmensentwicklung - bei einem Problemkind. Bertelsmann hatte gerade Hunderte Millionen Mark beim TV-Sender Vox versenkt, das Fernsehgeschäft, ein Sammelsurium von Minderheitsbeteiligungen, lag in Trümmern. Walgenbach stieg ein und half mit, das zu schmieden, was heute die RTL Group ist.

"Es war ein ständiger Kampf", erinnert er sich. Als ihm bei der Ufa die erste einstweilige Verfügung auf den Schreibtisch flatterte - ausgerechnet vom späteren Fusionspartner CLT - lief ihm noch ein "Schauer über den Rücken". Später, bei der RTL Group, gehörten juristische Scharmützel zum Alltag. Man gewöhnt sich an alles.

Doch Walgenbach ließ sich nicht beirren. Konsequent und zielstrebig ging er seinen Weg. Das Ergebnis: In den vergangenen drei Jahren konnte die RTL Group ihren Gewinn verdreifachen. Zur Belohnung wird er jetzt befördert und tritt aus dem Schatten ins Rampenlicht: Bislang war er die unauffällige Nummer zwei. Erst bei der Ufa hinter Rolf Schmidt-Holtz, dann bei RTL Group hinter Didier Bellens.

Mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen lebt Walgenbach in Köln, dem Sitz der deutschen RTL. Hobbys habe er eigentlich keine, sagt er, seine rare Freizeit versucht er, mit der Familie zu verbringen. Dazu wird er in Zukunft wohl noch weniger Gelegenheit haben. Aber das hat er vorher gewusst.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
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