Vorstand Reto Francioni beklagt mangelnde Kooperationsbereitschaft der Direktbroker
Consors denkt an andere Börsenpartner

Die Privatanleger-Initiative des Direktbrokers mit der Berliner Wertpapierbörse ist ins Stocken geraten. Wenn die Berliner nicht lieferten, werde man mit anderen Partnern arbeiten, sagt Reto Francioni. Herausforderungen gibt es auch auf einem anderen Gebiet: Der Einstieg in Großbritannien in diesem Jahr ist nicht sicher.

HB FRANKFURT/M. Consors erhöht den Druck auf die Berliner Wertpapierbörse: Die von dem Direktbroker mit initiierte "Leitbörse für Privatanleger" muss nicht unbedingt in Berlin entstehen, sagte Reto Francioni dem Handelsblatt. Er führt zusammen mit Karl Matthäus Schmidt den Onlinebroker Consors. Zwar werde man weiterhin versuchen, "Berlin beim Aufbau einer Retailplattform zu unterstützen". Sollte allerdings ein anderer Anbieter kooperieren wollen, werde man selbstverständlich auch mit diesem sprechen. Francioni ließ die Möglichkeit offen, auch mit alternativen Handelssystem zusammen zu arbeiten.

"Das ist keine Absage und keine Relativierung, sondern eine Klarstellung", betonte Francioni. Denn "wir können gar nicht alle Orders nach Berlin leiten." Entscheidend sei allein der Wille der Kunden. Nur wenn diese beim Kauf oder Verkauf Berlin als Börsenplatz eingeben würden, werde die Order dorthin geleitet.

Das hörte sich im Mai vergangenen Jahres noch anders an. Damals sorgte Consors für Wirbel mit seiner Ankündigung, die Berliner Wertpapierbörse mittelfristig zu einer "Leitbörse für Privatanleger" auszubauen. Den Retailkunden versprach man jederzeit die besten Kurse sowie niedrigste Transaktionskosten. Im Gespräch war auch eine Beteiligung von Consors an der Berliner Börse. Bereits Wochen später sollte ein Vertrag unterzeichnet sein, im Gespräch waren zunächst Anteile zwischen 10 und 25 Prozent. Unterschrieben ist bis heute aber noch nichts, wie Francioni gegenüber dem Handelsblatt bestätigte. Der Vorstand der Berliner Börse Jörg Walter sagte, die Verhandlung über eine Beteiligung von knapp 10 % sei "eher im Endstadium, als im Mittelstadium."

Auch die Umsetzung in Berlin gestaltet sich offenbar schwieriger, als anfangs gedacht. So wollte Consors zwei der anderen drei Marktführer Comdirect und die Direkt Anlage Bank in ihre Initiative einbinden, vor allem aus einem Grund: Die Leitbörse soll vor allem bei Nebenwerten Preisvorteile bringen, denn genau in diesen Segmenten tummeln sich die Kunden der Direktbroker. Angedacht ist, als Kaufanreiz die Spanne in Berlin zwischen An- und Verkaufspreisen (Spread) kleiner zu stellen als an anderen Börsen. Das lohnt sich jedoch für die Betreiber nur, wenn genug Handelsvolumen nach Berlin fließt. Auch deshalb wäre nach Ansicht von Consors eine Kooperation mit anderen Direktbrokern sinnvoll gewesen, zumal diese im vergangenen Jahr mehr als 23 Millionen Transaktionen verzeichneten. Nach einer kurzen Bedenkzeit winkten die Konkurrenten jedoch ab; auch weil sie sich nicht an einer "Consors-Börse" beteiligen wollten. Deren Existenz freilich hat Francioni immer verneint. Im Gespräch mit dem Handelsblatt sagt er jetzt, seiner Ansicht nach hätten die deutschen Online-Broker eine historische Chance vertan, den Retailmarkt völlig neu aufzurollen.

"Es hapert noch an technischen Details"

Doch nicht nur deshalb läuft das Projekt Berliner Börse nur schleppend. Erst gut acht Monate nach der Ankündigung, am 1. Februar 2001, war das offene Orderbuch der Berliner Börse im Internet für alle einsehbar. Bislang können zudem nur die Kunden von Consors und der Frankfurter Sparkassen-Tochter 1822direkt automatisch Limit-Orders einstellen. Und auch das versprochene Finanzportal mit Kurscharts und Unternehmensprofilen lässt weiter auf sich warten. Börsenvorstand Walter sagt zwar, "in absehbarer Zeit" werde das kommen. Francioni dagegen sagt: "Es hapert noch an technischen Details." Was genau er damit meint, ließ er allerdings offen. Er stellte aber die Frage, ob alle Pläne mit der derzeitigen technischen Ausstattung der Berliner Börse zu realisieren seien. Auf jeden Fall müssten die Berliner "langsam liefern".

Über mögliche Alternativen zu einer Kooperation mit Berlin sagte Francioni nichts. Er halte jedoch nicht mehr an dem einst formulierten Ziel fest, nur mit einer Börse zu kooperieren. Francioni hatte diesen Ansatz früher bevorzugt, weil die Aufsicht über die Geschäfte weiter in der Hand der öffentlich-rechtlichen Börsenregulatoren gewesen wäre. Consors dürfte wohl sehr gespannt nach Frankfurt schauen, wo die Deutsche Bank derzeit an einer alternativen Börse arbeitet. Das größte deutsche Finanzinstitut plant, bis 2004 rund 200 Banken an die Plattform anzubinden und will bis zu 2000 deutsche und ausländische Aktien handeln. Zu einer möglichen Beteiligung dort sagte Francioni jedoch nichts. In früheren Berichten hatte es jedoch geheißen, die Deutsche Bank solle sogar bereit gewesen sein, Direktbrokern Geld für Orderflow zu zahlen.

Neben der Börsenstrategie halte Consors seine Kerneuropa-Strategie weiter fest im Blick, sagte Francioni. So sei der Einstieg in Großbritannien in diesem Jahr noch möglich. Ursprünglich wollten die Nürnberger bis Ende vergangenen Jahres auf der Insel einsteigen. Doch der Markt dort habe sich als extrem "schwierig" erwiesen, zumal auch eine große Konkurrenz bereits vorhanden sei. Allerdings gebe es noch einige Akquisitionskandidaten.

Erfreulich entwickelt sich nach den Worten Francionis das Geschäft mit der im Herbst vergangenen Jahres gegründeten Investment-Bank Consors Capital AG. Wie Francioni bestätigte, sei das erste Mandat als Bookrunner für einen Börsengang in greifbarer Nähe. Auch die Erfüllung des Jahresziels von mindestens zwei Lead-Mandaten zeichne sich bereits ab, ergänzte Alfred Möckel, Vorstandssprecher der Consors Capital AG. Die Nürnberger wiesen Ende 2000 europaweit 526 000 Kunden auf (+162 % gegenüber 1999). Im Schnitt wickelte jeder Consors-Kunde 34 Transaktionen ab. Über die Entwicklung im laufenden Jahr sagte Francioni nichts. Comdirect-Chef Bernt Weber hatte kürzlich für sein Haus eine deutliche Verlangsamung des Kundenwachstums prognostiziert.

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