Vorstandschef der Fiat-Holding
Paolo Cantarella: Bewahrer und Veränderer

Autos sind Cantarellas große Leidenschaft - doch Fiat baut nicht nur Autos. Außer im Stammgeschäft will er den Turiner Konzern auch in anderen Sparten stark machen.

TURIN. Wenn sich Paolo Cantarella langweilt, dann zeichnet er Autoskizzen. Das hat der Maschinenbau-Ingenieur bereits an der Universität getan, und Mitarbeitern zufolge zückt der Vorstandschef der Fiat-Holding noch heute bei allzu drögen Meetings den Druckbleistift.

Keine Frage: Cantarella, 57, ist ein Autonarr. "Wir Italiener lieben schnelle Wagen. Und wenn wir dann noch einen Deutschen ans Steuer setzen, gewinnen wir auch die Weltmeisterschaft", spielt der grau melierte Manager mit blitzenden Augen auf Schumis Formel-1-Sieg im Ferrari an. Folgerichtig hat sich die Karriere des hoch gewachsenen Mannes stets rund um sein Objekt der Begierde gedreht.

Besonders genossen hat Cantarella die erste Hälfte der 90er-Jahre, als er die Autosparte von Fiat vollkommen umkrempelte, eine für das Turiner Haus nie da gewesene Modelloffensive startete. Bei Präsentationen neuer Fahrzeuge wusste der Technik-Freak Journalisten die Geschichte zu jedem noch so versteckten Detail zu erzählen. Und am Wochenende fuhr er regelmäßig die Fahrzeuge der Konkurrenz Probe.

In letzter Zeit aber beschäftigt sich der bodenständige Piemontese immer häufiger mit Dingen, die absolut nichts mit Autos zu tun haben. So fädelte er gemeinsam mit Konzernpräsident Paolo Fresco in den heißen Sommertagen des vergangenen Jahres ein Ding ein, das den Außentemperaturen in nichts nachstand: Gemeinsam mit der französischen Electricité de France übernahm Fiat den größten privaten Stromerzeuger in Italien, Montedison.

In diesen Wochen bemüht sich Cantarella, die konzerneigene Versicherungsgesellschaft Toro mit den beiden Konkurrenten Sai und Fondiaria zu fusionieren, wodurch Fiat zur zweitgrößten Assekuranz Italiens aufsteigen würde. Dieser vom Vorstandschef angetriebene Konzernumbau hat einen Kenner der Szene zu dem Ausspruch verleitet: "Cantarella könnte der letzte Automann an der Fiat-Spitze sein."

Selbst wenn sich diese These als nicht zutreffend herausstellen sollte, deutet sie doch die Revolution an, die derzeit im Hause Fiat stattfindet. Gleichzeitig verleiht sie dem Dualismus des Konzernlenkers Ausdruck, der sich sowohl in der Rolle des Bewahrers als auch des Veränderers befindet.

Es gibt wohl keinen besseren Transmissionsriemen für die Ideen, die Präsident Fresco, der wegen seiner früheren Tätigkeit für den US-Konzern General Electric "der Amerikaner" genannt wird, als den tief in der Fiat-Kultur verwurzelten Cantarella. Er galt als Ziehsohn des langjährigen Fiat-Präsidenten Cesare Romiti. Dennoch hat er den Mut gehabt, mit Romitis typisch italienischem Führungsstil zu brechen.

Die sprichwörtliche Behäbigkeit und das zurückgelehnte Abwägen ist Schnelligkeit, Aggressivität und Entscheidungsfreude gewichen. "Der ganze Stil ist amerikanischer geworden, was auch Canatarellas Verdienst ist", sagt ein enger Mitarbeiter.

Wie energisch Cantarella sein kann, das hat zuletzt auch Leo Kirch erfahren. Um den Münchner Medienmogul unter Druck zu setzen, die Formel-1-Rennen auch künftig im gebührenfinanzierten Fernsehen zu zeigen, kündigte Cantarella in seiner Funktion als Chef des europäischen Autoherstellerverbandes Acea kurzerhand die Gründung einer eigenen Rennserie an.

Das sind Dinge, weshalb ihn ganz Turin liebt: vom Firmenpatriarch Gianni Agnelli bis zum Facharbeiter im Werk Mirafiori schätzen alle sowohl Cantarellas Stallgeruch als auch seinen Veränderungswillen. Das liegt nicht nur an seiner Fachkompetenz, die über jeden Zweifel erhaben ist, sondern in erster Linie an seiner Art.

Für einen Piemontesen ausgesprochen offen und kommunikativ beschreibt er selbst seinen Führungsstil so: "Ich will die Menschen motivieren und fühle mich wie ein Trainer, der gleichzeitig auf dem Platz steht."

Es ist insofern kein Zufall, dass Cantarella Initiator von konzerninternen Fußballturnieren war. Bis er sich in einem Match das linke Bein brach, soll er ein stahlharter Stopper gewesen sein. Seither hat sich der "Tifoso" des Zweitliga-Clubs Toro Torino - und nicht des Agnelli-Vereins Juventus - auf eine ruhigere Sportart eingestellt: auf Golf.

In seiner knapp bemessenen Freizeit sucht Cantarella gemeinsam mit seiner Frau die Ruhe in Schottland oder die Eleganz in Salzburg, wo der Mozart-Fan regelmäßig Gast bei den Festspielen ist.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%