Vorstandschef der Poste Italiane
Corrado Passera: Der knallharte Idealist

Wer vor ein paar Jahren ein italienisches Postamt betrat, dem graute es: unendlich lange Warteschlangen, unwillige Beamte, Staub und Muff. Auf die Frage, in wie viel Tagen ein Brief seinen Empfänger erreichen würde, gab es nicht selten die lapidare Antwort: "Wir wissen weder, wann, noch, ob er ankommen wird."

HB MAILAND. Doch dann kam Corrado Passera. Der damalige Ministerpräsident und heutige EU-Kommissionspräsident Romano Prodi und sein damaliger Schatzminister und heutige italienische Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi baten den seinerzeit 43-Jährigen um Hilfe. Dem Vorstandschef des Banco Ambrosiano Veneto und früheren Olivetti-Boss Passera trauten sie zu, die "mission impossible" zu meistern - und zwar die nationale Schande, die Poste Italiane, in einen modernen, wettbewerbsfähigen Konzern umzuwandeln.

"Als ich hier 1998 ankam, glaubte niemand mehr an eine Zukunft der Poste", sinniert Passera mit dem Ehering spielend in seinem Büro gleich um die Ecke der Touristenattraktion Fontana di Trevi in Rom. "Deshalb habe ich beschlossen, dass wir uns gleich am Anfang der größtmöglichen Herausforderung stellen müssen. Das war die Einführung der Vorzugspost, also von Briefen, die in spätestens zwei Tagen am Ziel ankommen müssen."

Passeras erste Aktion hatte Erfolg. Bereits im Einführungsjahr erreichten 81 Prozent der Sendungen nach nur einem Tag ihre Empfänger. Die "Posta Prioritaria" wurde ein riesiger Erfolg. Nicht nur für die Kunden. Auch für die Mitarbeiter. "Wenn wir das hinkriegen, dann schaffen wir auch alles andere", erinnert sich der schlaksig und noch immer jugendlich wirkende Passera heute.

Was dann kam, kann man getrost als eine der größten Turn-around-Storys in der italienischen Wirtschaftsgeschichte bezeichnen. Innerhalb von vier Jahren führte der ehemalige Mc-Kinsey-Berater die Poste Italiane aus einem Verlustsumpf von 1,4 Milliarden Euro in die Gewinnzone. Letztes Jahr war die Farbe des operativen Ergebnisses Schwarz. In diesem Jahr dürfte auch das Nettoergebnis schwarz werden.

Allein mit stahlharten Kostensenkungsprogrammen wäre dies nicht möglich gewesen, sagt der zweifache Vater Corrado Passera: "Nein, wenn wir die Menschen, die hier arbeiten, von unserem Projekt nicht überzeugt hätten, wäre dies alles nicht möglich gewesen." Daher startete er die größte je von einem italienischen Unternehmen initiierte Bildungsoffensive. Insgesamt 1,7 Millionen Stunden Nachhilfe in Sachen Informatik, Kundenorientierung und mehr haben die heute 167 000 Postler in den vergangenen drei Jahren genossen.

Wenn der an der renommierten Wharton-School in Philadelphia zum MBA ausgebildete Manager von dem großen Projekt spricht, leuchten seine Augen temperamentvoll - atypisch, für einen Norditaliener, der am kühlen Wasser des Comer-Sees geboren wurde.

Doch Passera treibt mehr um als nur die alles andere als banale Sanierung einer ehemaligen öffentlichen Großbehörde. "Manchmal lohnt es sich, auch idealistische Lebensentscheidungen zu treffen", merkt er an. Enge Mitarbeiter erzählen, mit welcher Kraft Passera daran gearbeitet hat, Tausende von Führungskräften in der Post zu motivieren: "Ihm geht es um die Menschen und um sein Land Italien, sonst hätte er diesen Wahnsinnsposten hier nie angenommen."

Dieser Idealismus bedeutet aber nicht, dass der hochgewachsene und sportliche Manager, der sich im Büro das Sakko auszieht und die Hemdsärmel aufkrempelt, einen weichen Führungsstil bevorzugt. Schon bei der Verteidigung der Post gegen Angriffe aus Politik und Gewerkschaftskreisen hat er sich als stahlharter Verfechter seiner Interessen herausgestellt.

Immerhin hat er zwischen 1998 und 2001 insgesamt 18 000 Arbeitsplätze abgebaut. Wenn er bei seinen häufigen Besuchen in den Postämtern im Lande irgendwo noch den alten Schlendrian entdeckt, kann der Perfektionist Passera sehr ungemütlich werden. Dasselbe gilt, wenn er allzu häufig von den Medien als Kandidat für andere Top-Positionen in Italiens Wirtschaft gehandelt wird: "Das geht mir dermaßen auf die Nerven", poltert der sonst unaufdringliche Passera. "Lasst mich einfach in Ruhe arbeiten. Mein Projekt hier ist noch lange nicht beendet!" Und Corrado Passera ist niemand, der frühzeitig aufgibt.

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