Vorstandschef hält sich mit Prognosen zurück
Siemens macht reinen Tisch

Die Börse glaubt wieder an die Zukunft von Siemens. Am Donnerstag ging die Aktie weiter nach oben, nachdem sie schon am Vortag um nahezu zehn Prozent in die Höhe geschossen war.

Damit hat sich der Wert des Siemens-Papiers, eines der Schwergewichte im Deutschen Aktienindex, seit Ende September mehr als verdoppelt. Erinnerungen an die vergangenen zwei Jahre werden wach, als die Siemens-Aktie immer weiter nach oben ging.

Siemens-Chef Heinrich von Pierer gab sich bei der Bilanzpräsentation deshalb gut gelaunt und kämpferisch. Doch mit Prognosen für die Zukunft war er extrem zurückhaltend. Von Pierer ist vorsichtig geworden, denn im vergangenen Jahr haben ihm der herbe Einbruch in der Telekommunikation und neue interne Probleme einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Statt einer angekündigten deutlich zweistelligen Gewinnsteigerung steht in der Bilanz für 2000/01 nun ein kräftiger Ertragseinbruch. Der Konzernchef hat aus der Vergangenheit gelernt und kündigte gestern nur vage "weitere Ergebnisverbesserungen" für das neue Jahr an.

Damit ist er auf der sicheren Seite, denn das wird leicht zu erreichen sein. Allein der "Infineon-Effekt" wird zu einer spürbaren Verbesserung der Gewinne führen. Im gerade begonnenen Geschäftsjahr wird Siemens die Chiptochter nicht mehr voll konsolidieren, das Infineon-Ergebnis wird also nur noch anteilig in die Bilanz einfließen. Im vergangenen Jahr verhagelte Infineon noch mit einem Minus von 1,7 Milliarden Euro den Konzerngewinn. Dazu kommt: Auch den größten Teil der hohen Sanierungskosten im Konzern hat von Pierer bereits im vergangenen Jahr verbucht. Die Einsparungen wirken sich aber erst im laufenden Jahr voll aus.

Schon diese beiden Effekte werden extrem positiv auf die Siemens-Gewinne wirken, denn von Pierer hat reinen Tisch gemacht. Viel schwieriger wird es dagegen werden, auch die operativen Ergebnisse weiter nach oben zu bringen. Viele Bereiche liegen noch unter ihren Renditezielen. Dazu kommt: Der Konzern wird eine weitere Verschlechterung der Weltwirtschaft zu spüren bekommen. Sollte das Konjunkturloch noch tiefer werden, könnten darunter auch bisher unberührte Sparten wie der Kraftwerksbau oder die Medizintechnik leiden.

Siemens bleibt eine Dauerbaustelle, denn gleich mehrere Geschäftsfelder stecken in den roten Zahlen. Für die Automobiltechnik und das Logistikgeschäft kündigte von Pierer die schnelle Rückkehr in die Gewinnzone an. Die Krise in der Telekommunikation aber wird Siemens länger zu schaffen machen. Da passt es gar nicht, dass der Konzern mit Toshiba einen wichtigen Partner bei der Entwicklung von UMTS-Handys verloren hat. Die ursprünglich erhofften finanziellen Vorteile einer gemeinsamen Entwicklung mit den Japanern sind dahin. Jetzt muss Siemens mühsam einen neuen Partner finden, während die Konkurrenz schon emsig an UMTS-Produkten arbeitet.

Umso wichtiger ist, dass von Pierer klar gemacht hat, wie ernst es ihm mit der Sanierung des Konzerns ist. Überraschend schnell gelang es den Münchenern, sich endgültig von der Mehrheit an der börsennotierten Chiptochter Infineon zu verabschieden. Aus den jüngsten Äußerungen des Finanzvorstands Heinz-Joachim Neubürger ist herauszulesen, dass der Konzern noch weitere maßvolle Aktienverkäufe plant. Die Zeit ist jedenfalls günstig, denn die Nachfrage nach Halbleiter-Aktien steigt wieder, der Markt ist aufnahmebereit. Siemens kann Käufer für die Infineon-Papiere finden, ohne dem Kurs zu schaden. Das ist ganz nach dem Umbau-Motto des Konzernchefs: "Zügig, aber nicht hastig".

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