Vorstandschef Manfred Schneider muss seine Karten auf den Tisch legen
Bayer-Management am Scheideweg

Es gab Zeiten, da galten Bayer-Aktien als Witwen- und Waisenpapiere - wenig Phantasie, dafür stabile Gewinne und sichere Dividenden.

Das war einmal. In diesem Jahr jagt eine Katastrophenmeldung die nächste. Gewinneinbrüche, Lipobay-Debakel, der Kurs abgestürzt - Bayer Vorstandschef Manfred Schneider steht mit dem Rücken zur Wand.

Gestern musste er dem Aufsichtsrat Rede und Antwort stehen. Auf dem Prüfstand steht die Vier-Säulen-Strategie. Die Idee dahinter: Schwächephasen in einem Bereich werden durch die drei anderen ausgeglichen. Doch ausgerechnet jetzt macht die schwache Weltkonjunktur den Konzernstrategen einen Strich durch die Rechnung. Zu den hausgemachten Problemen in der Gesundheitssparte kommen Rückgänge in den Bereichen Polymere und Landwirtschaft. Die meisten Anleger interessieren dabei vor allem zwei Fragen: Sind nach dem Einbruch alle Risiken im Kurs enthalten oder drohen noch weitere Verluste? Und was würde der Verkauf der Pharmasparte bringen, den Kritiker fordern?

Jahresgewinn deutlich hinter Vorjahresergebnis

Klar ist, dass der Jahresgewinn deutlich hinter dem des Vorjahres zurückbleiben wird. Selbst pessimistische Analysten rechnen allerdings zumindest mit 1,75 Euro pro Aktie. Das entspricht einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 19 - was eher am unteren Ende des europäischen Branchendurchschnitts liegt.

Reserven zeigt auch die Bewertung der einzelnen Sparten. Auf Basis der Jahresumsätze und der EBIT (Gewinne vor Steuern und Zinsen), die die Bereiche beisteuern, kommen die meisten Analysten zu dem Ergebnis, dass die Chemie-, Landwirtschafts- und Polymersparte zusammen etwa 22 bis 24 Euro pro Aktie wert sind. Nicht berücksichtigt ist dabei die Übernahme der Aventis-Tochter Crop Science, die so gut wie unter Dach und Fach scheint. Damit würde Bayer auf dem Markt für Pflanzenschutzprodukte an die Weltspitze rücken. "Allerdings sollte man auch die damit verbundenen Restrukturierungskosten berücksichtigen", gibt Frank von Collani, Analyst bei der Berenberg Bank zu bedenken. "Da tauchen nach einiger Zeit oft noch versteckte Risiken auf."

Pillengeschäft bringt 15 Milliarden Euro

Deutlich auseinander gehen die Meinungen, was der Bereich Gesundheit und dort speziell der Pharmabereich wert ist. Von Collani und ebenso die Analysten der WestLB schätzen, dass das gesamte Pillengeschäft 15 Milliarden Euro auf die Waage bringt, was mehr als 20 Euro pro Aktie entspricht. Nun hat allein der Bereich Pharma im vergangenen Jahr 6,1 Milliarden Umsatz gebracht, wovon nur etwas mehr als zehn Prozent auf Lipobay entfielen. Legt man die Bewertungsmaßstäbe vergleichbarer Deals zu Grunde - beispielsweise den Verkauf von Knoll durch BASF -, erscheint die Summe zu niedrig. Andererseits: In diesem Jahr wird die Sparte deutlich weniger umsetzen, bei niedrigerer Profitabilität. Schwierigkeiten gibt es außerdem nicht nur mit Lipobay, sondern auch beim Blutermedikament Kogenate. Und 2003 läuft der Patentschutz des umsatzstärksten Mittels Ciprobay, eines Antibiotikums, aus. Ob das neue Potenzmittel Vardenafil, das 2002 auf den Markt kommen soll, diese Lücke schließt, ist fraglich.

Doch es gibt auch Pfunde, mit denen Bayer wuchern kann: Das Vertriebsnetz gehört zu den größten in Europa. Und mit den Beteiligungen an Millenium und Lion Bioscience haben die Leverkusener ein festes Standbein im Bereich Biotechnologie.

Kreis der Kaufinteressenten für Pharma-Sparte begrenzt

Insgesamt kommen die meisten Analysten bei der Substanzwertberechnung auf eine Bewertungsspanne von 45 bis 50 Euro pro Aktie. Nach einem "Konglomeratsabschlag" von 20 bis 25 Prozent (die Börse bewertet Mischkonzerne niedriger) liegt der Wert immer noch ein gutes Stück über dem aktuellen Kursniveau. "Bei 34 Euro ist der Boden erreicht", glaubt Analyst von Collani. Auch Klaus Kis vom Bankhaus Merck Finck und Co. sieht eine Stabilisierung. Seine Einschätzung ("underperform") würde er jedoch erst dann überdenken, wenn Bayer die Pharmasparte verkauft. "Das Geld könnte das Management für den Kauf von Crop Science verwenden und in die Forschung- und Entwicklung der anderen Sparten stecken."

Doch der Kreis möglicher Käufer ist begrenzt. Über Glaxo, Roche und Bristol-Myer Squibb wurde bereits spekuliert. Doch ob überhaupt jemand zugreift, so lange mögliche Schadensersatzrisiken in Zusammenhang mit Lipobay bestehen, ist fraglich. Experten rechnen mit Belastungen von ein bis zwei Milliarden Euro. Und selbst wenn Bayer dafür gerade steht, dürfte der Preis nicht in den Himmel wachsen - zumal jeder Interessent weiß, dass das Bayer-Management in Zugzwang ist.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%