Vorstandschef von Adobe Systems
Bruce Chizen: Der Stratege ohne Starallüren

Er hat eine große Vision: das papierlose Büro. Damit will Bruce Chizen dem Software-Hersteller Adobe im schwierigen IT-Geschäft einen neuen Markt erschließen.

DÜSSELDORF. "Ich kann neben mir Menschen ertragen, die auf ihrem Gebiet besser sind als ich", sagt Bruce Chizen nach kurzem Überlegen. Das sei wohl einer der größten Unterschiede zwischen ihm und Microsoft-Gründer Bill Gates sowie Microsoft-Lenker Steve Ballmer.

Der Chef des US-Softwarehauses Adobe Systems Inc. muss es eigentlich wissen, denn vor knapp 20 Jahren arbeitete der heute 46-jährige Chizen als Vertriebsmanager für Microsoft. Obwohl er seit acht Jahren mitten im Silicon Valley südlich von San Francisco residiert, ist der Mann mit dem gepflegten Vollbart keiner jener Propheten, die in der Softwareindustrie eine Goldgrube sehen, deren Schätze nur darauf warten, gehoben zu werden. "Heute ist es fast nicht mehr möglich wie vor zehn Jahren, nur mit einer guten Idee in der Tasche ein Unternehmen auf die Beine zu stellen", ist Bruce Chizen überzeugt.

Ebenso wenig hat der Software-Stratege etwas mit jenen US-Unternehmenslenkern gemein, deren showreife Auftritte gelegentlich mit Charisma verwechselt werden. Mit seiner sachlichen Art würde der Amerikaner glatt als Europäer durchgehen.

Am ehesten sei seine Aufgabe mit der Rolle eines "Orchesterdirigenten" zu vergleichen, beschreibt Chizen seinen Job. Dabei im Spannungsfeld zwischen Kunden, Mitarbeitern und Aktionären den richtigen Ton vorzugeben ist nicht immer einfach: So hält der Wahl-Kalifornier, der "gelegentlich mit kurzen Hosen und legerem Hemd" die Geschäfte leitet, die "kurzfristige Profitorientierung" der Aktienmärkte für einen Fehler.

Doch sollte niemand seine umgängliche Art und die Leitlinie des Unternehmens "Stelle die besten Mitarbeiter ein, und behandle sie gut" falsch interpretieren. "Er achtet peinlich genau darauf, dass die von ihm gesteckten Ziele erreicht werden", sagt ein Mitarbeiter.

Jeder achte Mitarbeiter musste gehen

Das bekamen die Beschäftigten schon kurz nach seinem Start an der Unternehmensspitze zu spüren. Im vergangenen Jahr entließ Chizen fast jeden achten Mitarbeiter, weil die Geschäfte wegen des allgemeinen Einbruchs in der IT-Branche nicht so liefen wie erwartet. "Das ist mir ganz gewiss nicht leicht gefallen", sagt der Adobe-Chef rückblickend, "zumal ich die betroffenen Mitarbeiter und ihre Familien teilweise kannte."

Die richtige Feuertaufe steht dem studierten Vertriebs- und Marketingprofi aber noch bevor: Er muss dem Unternehmen in einem wirtschaftlich schwierigen Umfeld neue Märkte erschließen. Denn im bisherigen Kerngeschäft, der Bildbearbeitung und Layout-Programme, sind die Wachstumsaussichten bescheiden.

Doch bereits vor seiner Ernennung im Dezember 2000 hat Chizen gesagt, wo es langgehen soll: "Wir werden in wenigen Jahren die E-Paper-Company sein." Er will dafür eine Technologie nutzen, die John Warnock, einer der beiden Unternehmensgründer, entwickelt hat: das Dateiformat PDF.

Der große Durchbruch

Warnock und Charles Geschke hatten vor 20 Jahren ihre Jobs in der Forschungsabteilung des Kopiererherstellers Xerox an den Nagel gehängt und Adobe Systems gegründet. Eine ihrer ersten Entwicklungen war Postscript, eine Technologie, mit der sich Aussehen, Form und Schrift von Dokumenten elektronisch abbilden lassen. Es sorgte für die massenhafte Verbreitung von Laserdruckern und verhalf Adobe zum großen Durchbruch.

Mitte der neunziger Jahre entwickelt Adobe das Dateiformat PDF - ein elektronischer Container, in dem sich Texte, Bilder und Grafiken zwischen unterschiedlichen Computersystemen transportieren lassen. Durch die rasante Ausbreitung des Internets wird PDF zum Standard für elektronisches Publizieren. Alle PC-Nutzer kennen den kostenlosen Acrobat-Reader, mit dem sich PDF-Dateien lesen lassen.

Chizen will diesen Weg konsequent weitergehen: In den nächsten Jahren sollen Lösungen für Unternehmen und Behörden den Papier- und Dokumentenbergen den Garaus machen und so Arbeitsabläufe beschleunigen.

Doch trotz aller E-Paper-Lösungen: Bücher liest der Adobe-Chef lieber auf Papier. "Ein Informationsträger mit einem hervorragenden Preis-Leistungsverhältnis", räumt der Vater zweier Kinder ein. Er sei aber überzeugt, "dass in Zukunft in Buchläden viele Bücher nur auf Verlangen gedruckt werden - mit PDF-Dateien als Vorlage, natürlich", fügt Bruce Chizen schnell hinzu.

Vita

Bruce Chizen, geboren 1956 in New York, studiert am Brooklyn College. Nach ersten Management-Erfahrungen in der Videospielbranche bei Mattel wechselt er 1983 als Vertriebsprofi zu Microsoft. Nach weiteren Stationen bei Computerfirmen geht er 1994 zu Adobe und leitet dort unter anderem den Produktbereich Grafik. Im April 2000 wird er President des Softwarehauses. Seit Dezember 2000 ist Chizen auch Chief Executive Officer.

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