Vorstandsetagen im Visier
Selbstbewusste Staatsanwälte

Sven Thomas lacht sarkastisch. "Es gibt eine beeindruckende Anzahl von Dax-30-Vorständen, gegen die strafrechtliche Ermittlungen laufen", sagt der Düsseldorfer Wirtschaftsstrafverteidiger. "Wenn heute irgendwo in Deutschland eine Runde von Aufsichtsräten beisammensitzt und man nachfragt, bei wem noch nicht durchsucht worden ist, hebt kaum einer die Hand."

DÜSSELDORF. In der Tat: Die Zeiten, da die Ermittlungen eingestellt wurden, sobald sich eine Verwicklung einflussreicher Kreise abzeichnete, sind längst vorbei. "Früher hieß es, man hängt die Kleinen und lässt die Großen laufen", sagt der Strafrechtsprofessor Klaus Volk von der Universität München. "Heute muss man aufpassen, dass die Großen nicht deshalb gehängt werden, weil sie die Großen sind." Die Strafrechtspflege habe die Aufgabe, individuelle Schuld zu ermitteln, nicht aber, "zeitgeschichtliche Großereignisse aufzuarbeiten." Die Umfunktionierung der "Justiz als Wahrheitskommission" mache ihm große Sorge.

Die Staatsanwälte, meint Strafverteidiger Thomas, erfüllten oftmals "die vermeintliche Erwartung der Öffentlichkeit, dass richtig angepackt wird". Unpopulär mache sich die Justiz nur, wenn sie das Verfahren einstelle. Thomas tritt zurzeit im Prozess gegen die Haffa-Brüder und in Düsseldorf als Verteidiger von Ex-Mannesmann-Chef Klaus Esser auf. Das neue Selbstbewusstsein bei den Staatsanwälten zeigte sich zum ersten Mal in der Parteispendenaffäre der 80er-Jahre. Sie "markiert den Anfang", sagt Volk.

Die Elite der deutschen Wirtschaft, personifiziert durch den Flick-Manager Eberhard von Brauchitsch und Dresdner-Bank-Chef Hans Friderichs, fand sich auf der Anklagebank wieder. "Seitdem scheut sich kein Staatsanwalt mehr, in die Vorstandsetagen zu marschieren." Und sie marschieren immer häufiger. "Die Zahl der Verfahren hat zugenommen", bestätigt Hubert Jobski, Leiter der Abteilung Wirtschaftskriminalität bei der Staatsanwaltschaft Mannheim. Vor 30 Jahren habe er mit fünf Leuten begonnen. Heute gebe es 19 Mitarbeiter, darunter auf Bilanzen spezialisierte Wirtschaftsreferenten. Dazu kämen Stäbe des Bundes- und Landeskriminalamts, die die Staatsanwälte einsetzen könnten. Die Wirtschaftsstaatsanwälte in Nordrhein-Westfalen gelten als besonders rege. Die Abteilungen seien "sehr kompetent" und "schon seit längerer Zeit deutlich ausgebaut worden", sagt Britta Bannenberg, Expertin für Korruptionsbekämpfung an der Universität Bielefeld.

Mit dem Selbstbewusstsein der Staatsanwälte sind die Kapazitäten allerdings nicht überall gestiegen. In anderen Bundesländern gebe es nach wie vor große Personalprobleme, stellt Bannenberg fest. Die Ermittlungen seien oft ungeheuer komplex. Vielfach könne man "mit den Waschkörben voller beschlagnahmtem Material gar nichts anfangen, weil einem das niemand auswertet". Das Ergebnis: "Das versandet, verjährt oder wird eingestellt." Es sei auch nicht so, dass die Staatsanwälte mit den Vorstandschefs heute unbedingt leichteres Spiel hätten als früher, fügt Bannenberg hinzu: "Die Beschuldigten sind gebildet, kompetent und können sich die besten Verteidiger leisten.

Und sie setzen ihre Möglichkeiten sofort ein, damit es gar nicht erst zur Anklage kommt. Das kann ein gewöhnlicher Ladendieb nicht." Auch beim Strafmaß bleiben die Wirtschaftsbosse aber nach wie vor privilegiert, ergänzt der Kriminologe Jörg Kinzig vom Freiburger Max-Planck-Institut. Der Grund: Große Wirtschaftsstrafsachen sind oft so unendlich kompliziert, dass die Neigung zu so genannten "Deals" zwischen Verteidigung und Staatsanwaltschaft groß ist. "Die Verteidigung kann ja immer kommen und weitere Aufklärung fordern. Das befördert die Strategie, dass sich alle an einen Tisch setzen und verhandeln - Geständnis gegen ein geringeres Strafmaß."

Mitarbeit: Michael Freitag

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%