Vorstandswechsel bei Volkswagen
Autonarr Pischetsrieder

Groß umgewöhnen muss er sich nicht. Bereits seit Monaten hat Bernd Pischetsrieder sehr viel Handlungsspielraum bei Volkswagen. Stimmen im Konzern sprechen sogar davon, dass er das Ruder schon längst übernommen hat.

vwd WOLFSBURG. Sein Vorgänger Ferdinand Piech war sukzessive bei öffentlichen Auftritten aus dem Rampenlicht gewichen. Zuletzt hatte Pischetsrieder im Vorfeld des Genfer Automobilsalons sogar die Luxuslimousine Phaeton präsentiert, eines der letzten wegweisenden Projekte Piechs ("ein Konzentrat meiner neun Jahre in Wolfsburg"), der Einstieg der Marke VW in die Oberklasse.

Der gebürtige Münchener wird am 16. April mit Ablauf der Hauptversammlung Piech, den Enkel des legendären Käfer-Konstrukteurs Ferdinand Porsche, in der Rolle des Vorstandsvorsitzenden beerben. Das ungewöhnliche Datum des für gewöhnlich im Juni tagenden Aktionärstreffens hat eine besondere Bewandnis: Einen Tag zuvor wird der Aufsichtsratsvorsitzende Klaus Liesen seinen 71. Geburstag feiern, einen Tag später feiert Piech seinen 65. Geburstag, dann bereits in der Funktion als Nachfolger Liesens.

Dass der 54-jährige Diplom-Ingenieur ein potenzieller Nachfolger für Piech ist, pfiffen die Spatzen schon bei seinem Eintritt in den Konzernvorstand im Juli 2000 von den Wolfsburger Dächern. Piech hatte sich immer einen "Automann mit Benzin im Blut" als Neuen an der Spitze gewünscht. Dies ist der Vater zweier Kinder wahrlich, der sich auch schon mal mit einem 1,5 Mio DEM teuren McLaren F1 überschlug. So unterschiedlich die Temperamente der Beiden sind, die Freude an der Hochgeschwindigkeit teilen sie auf jeden Fall wie den Hang zum Perfektionismus. "Ich hätte nie gedacht, dass der bei Autos genauso spinnt wie ich", so Piech.

Der begeisterte Zigarrenraucher ließ dann Piechs Kopf bei der Übernahmeschlacht um Rolls Royce vor fast fünf Jahren rauchen, aus der VW als Verlierer hervor ging, auch wenn Piech meint, dass er nur Bentley und nicht Rolls Royce haben wollte. "Jetzt habe ich Pischetsrieder und Bentley bekommen", sagte Piech auf seiner letzten Bilanz-Pressekonferenz. Das sei ihm auch lieber gewesen.

"Pischi" oder "König Ludwig", wie er in der Presse auch gerne mal genannt wird, ist fachlich höchst versiert. Seine Karriere startete er 1973 bei BMW als Fertigungsplaner und gelangte nach diversen Stationen im Unternehmen 1991 in den Vorstand. Von 1993 bis 1999 führte er dort den Vorsitz. Die Pleite mit der 1994 übernommen britischen Marke Rover kostete ihn letztlich seinen Arbeitsplatz. Aber bereits einen Tag nach dem "schwarzen Freitag" bei BMW, der auch den jetzigen Leiter der PAG-Gruppe von Ford, Wolfgang Reitzle, den Vorstands-Job bei BMW kostete, hatte er Piech am Apparat.

Zunächst durfte Pischetsrieder die Marke Seat sowie konzernweit die Qualität der Fahrzeuge verantworten. Mehrere Langfristtests in Automobilzeitschriften hatten an den selbst gestellten VW-Qualitätsansprüchen Zweifel offenbart. Erste Übertragungen aus seiner Münchener Zeit finden in Wolfsburg bereits Anklang, so das von ihm vorgestellte und bereits bei BMW erfolgreich eingeführte "Drehscheibenkonzept", das die Fertigung mehrere Modelle auf einem Produktionsband erlaubt.

Ob sich mit Pischetsrieder der VW-Kurs jedoch zügig wieder alten Höhen von 100 EUR und mehr nähern wird, ist ungewiss. Vor ihm stehen schwere Aufgaben, die ihm wenig Zeit lassen werden für eine seiner Lieblingsbeschäftigungen, das Snowboardfahren. So wird dieses Automobiljahr zu den Schwierigen gehören, der Konzern dürfte im ersten Quartal 6,5 Prozent weniger Fahrzeuge abgesetzt haben. Die Modellpolitik muss einer radikalen Umstrukturierung unterworfen und der neuen Konzernstruktur angepasst werden. Neue lukrative Nischenmodelle und Oberklassefahrzeuge müssen erfolgreich im Markt platziert werden, denn in den kommenden fünf Jahren will der Konzern 85 Prozent aller Segmente mit der eigenen Modellpalette abdecken. Zudem soll das "Brot und Butter"-Modell Golf im kommenden Jahr in seiner fünften Generation erscheinen. Für VW eines der wichtigsten Investitionsvorhaben. Auch die künftige Nutzfahrzeugstrategie steht im Vordergrund.

Zumindest aber ist klar, dass Pischetsrieder den Konzern in die vordersten Plätze der renditestarken Automobilkonzerne hieven will. Dies zeigt seine klare Fokussierung auf die Kapitalrendite. Und: "Ertrag geht vor Menge", so seine Devise.

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