Vorteile zahlen sich erst später aus
Biotech für Mutige

D ie Lage ist gut, aber nicht euphorisch. Auf diesen Nenner lässt sich die Meinung der Analysten und Fondsmanager zur Biotechnologie-Branche zusammenfassen. Aber gerade das kann ein gutes Zeichen zum Kauf sein.

pbs FRANKFURT. Der Biotechnologie-Sektor sehe derzeit besser aus, als jemals zuvor, zeigen sich zumindest die Analysten der Investmentbank J.P. Morgan begeistert und finden gleich eine Reihe von Argumenten: Mehr Produkte als in der Vergangenheit würden sich aktuell in den späten Phasen der klinischen Prüfung vor der Marktzulassung befinden. Die Unternehmen - auch Firmen, die erst am Anfang stünden (Early Stage) - hätten mittlerweile ausreichende finanzielle Mittel eingesammelt. Damit sollen sie durchhalten können, bis sie schwarze Zahlen schreiben. Bisher stellen Unternehmen, die Gewinn erwirtschaften, weiterhin eine Ausnahme dar.

"Im vergangenen Jahr sind 36 Milliarden US-Dollar in die Branche geflossen", sagt Fondsberater Michael Fischer von Medical Strategy. Davor seien es pro Jahr gerade einmal zwei bis sieben Milliarden gewesen. Dieses Jahr dürfte nicht an den Rekord von 2000 anknüpfen können, glaubt Fischer. Bisher sind in diesem Jahr 2,2 Milliarden US-Dollar in die Branche geflossen. Davon stammen laut Fischer 250 Millionen aus Neuemissionen. Aus der guten Kapitalausstattung ergibt sich ein weiterer Vorteil: Die Biotech-Unternehmen können Lizenzen für ihre Produkte zu besseren Konditionen an die Pharma-Unternehmen verkaufen. Dass Biotech-Unternehmen jetzt, da sie preiswerter geworden sind, reihenweise von Pharma-Unternehmen aufgekauft werden, gilt als unwahrscheinlich.

Derzeit lässt gerade die preiswerte Bewertung einige Biotech-Unternehmen wieder fundamental attraktiv erscheinen. Es gibt Unternehmen, die nur mit dem Ein- oder Zweifachen ihres Cash-Bestandes am Aktienmarkt bewertet werden. Allerdings haben Größe und Profitabilität weiterhin ihren Preis. Führende US-Biotech-Adressen wie Amgen oder Genentech gelten aber für DWS -Fondsmanager Sebastian Virchow als gut bewertet. Das gegenwärtige Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt bei 49 auf Basis der Gewinne von 2001 bei Amgen und etwas höher bei Genentech. Bei aller Zuversicht bleibt als negatives Szenario die Abhängigkeit der Biotech-Branche vom Technologiesektor bestehen.

So lange sich an der US-Technologiebörse Nasdaq kein eindeutiger, positiver Trendwechsel abzeichnet, bleibt die Einschätzung der Analysten der Investmentbank J.P. Morgan deswegen vorsichtig - zumindest kurz- bis mittelfristig. Dabei zeigt sich die Branche fundamental gesund: Es gab bisher keine Gewinnwarnungen, sagt Nicole Körtge, Fondsmanagerin des DIT Biotechnologie-Fonds. Die Zahlen für das vergangene Geschäftsjahr beziehungsweise für das erste Quartal dieses Jahres hätten sich bei der Mehrzahl der Unternehmen im Rahmen der Erwartungen entwickelt. Auch von Zinssenkungen dürfte die Biotechnologie-Branche in Zukunft profitieren. Wie bei allen jungen Unternehmen, die noch rote Zahlen schreiben, werden die Unternehmen mit abgezinsten Cash-Flows bewertet. Je niedriger der dafür zu Grunde liegende Zinssatz ist, desto höher fällt die Bewertung aus.

Anleger sind selbst ein Risikofaktor

Einen Risikofaktor stellen aber auch die Anleger selbst beziehungsweise die Investmentfonds dar, heißt es bei J.P. Morgan. Tatsächlich mussten viele Fonds im ersten Quartal dieses Jahres hohe Nettomittelabflüsse verkraften. Im ersten Quartal dieses Jahres betrugen sie beim DIT Biotechnologie-Fonds 76 Millionen Euro, beim DWS Biotech Aktien Typ 0 waren es immerhin zehn Millionen Euro. Wenn Kunden ihre Fondsanteile massiv zurückgeben, können die Fonds im schlimmsten Fall gezwungen sein, Aktien aus ihrem Portfolio zu verkaufen. Das würde die Kurse zusätzlich belasten. Gerade im März dieses Jahres hätten große Hedge-Fonds, die als so genannte Short Seller agieren, die Kurse der Branche unter Druck gesetzt, vermutet Körtge. "Short Selling" heißt, dass geliehene, überbewertete Titel ver- und zurückgekauft werden.

Aktienkurse schwanken kurzfristig äußerst stark

Da bleibt das Fazit: Wer sein Geld langfristig investieren möchte und bei zwischenzeitlichen Einbrüchen die Nerven behält, für den kann diese Zukunftsbranche interessant sein. Der Markt werde sich weiterhin "sehr volatil entwickeln", warnt Körtge. Anleger sollten zu unterschiedlichen Zeitpunkten kaufen, um den durchschnittlichen Einkaufspreis zu optimieren.

Für langfristig Denkende können sich die dauerhaften Tugenden des Sektors auszahlen: Die Biotechnologie hängt nicht von der allgemeinen konjunkturellen Entwicklung ab. Ausgaben für Gesundheit sind in der Regel nicht konjunkturabhängig, sagt DIT-Fondsmanagerin Körtge. Ein Blick auf die Tabelle zeigt, dass der größte Markt mit einem Volumen von 42 Milliarden US-Dollar im vergangenen Jahr in der Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bestand. Das hat der US-Informationsdienst IMS Health herausgefunden. Auf Platz zwei folgen Indikationen aus dem Bereich Verdauungstrakt und Stoffwechsel. Der Markt für Krebstherapie umfasst dagegen nur acht Milliarden US-Dollar.

Biotech boomt woanders

Wer sich für Biotechnologie-Aktien interessiert, wird am deutschen Aktienmarkt allerdings kaum geeignete Kandidaten finden. Weniger als ein Prozent des Fondsvermögens hat beispielsweise DIT-Fondsmanagerin Körtge in Neue-Markt-Unternehmen investiert - und damit ist sie unter ihren Berufskollegen nicht allein. In Europa genießen wenigstens einige britische Biotechs, wie beispielsweise Celltech, das Wohlwollen der Fondsmanager. Die Aktie sei ein "fast konservativer Biotech-Wert", sagt Fondsberater Fischer. Generell sind europäische Unternehmen in der Regel wesentlich jünger als ihre US-Konkurrenten. Sie haben meist noch keine Produkte am Markt und befinden sich größtenteils noch in der Verlustzone.

In den USA dagegen seien "die Regularien weniger streng, es fließt mehr Wagniskapital, und der Forschungswille ist ausgeprägter", nennt Körtge die Vorteile. Wohl auch deswegen gelten die USA als Mekka der Biotechnologie. Dort sind mittlerweile mehr als 300 Unternehmen an der Börse notiert. Gut 30 davon machten derzeit bereits Gewinn oder hätten Produkte in der letzten der drei klinischen Testphasen kurz vor der Marktzulassung, schätzt Körtge. Für ihr Portfolio suchen Fondsmanager nach Unternehmen, die selbst forschen - und lassen die reinen Technologie-Anbieter meist links liegen. Schließlich sind die Eintrittsbarrieren bei den Forschern höher, weil die Entwicklung große Summen verschlingt. Das lässt auf langfristig höhere Renditen hoffen. Die Geschäftsmodelle der Technologie-Anbieter dagegen sind einfacher zu kopieren.

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