Vorwürfe an Banken - Ähnliche Praktiken in Deutschland
US-Börsengänge: Internetfirmen und ihre Konsortialbanken am Pranger

In den USA rollt eine Welle von Sammelklagen auf junge Internetunternehmen zu. Die Kläger werfen den Firmen und ihren Konsortialbanken regelwidriges Verhalten bei Börsengängen vor.

HB, 3.4.2001 Bloomberg / tmo DÜSSELDORF. Die kritisierten Praktiken existieren nach Einschätzung von Branchenkennern auch hierzulande. Ulrich Hocker, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), beurteilt die Erfolgsaussichten ähnlicher Klagen in Deutschland aber derzeit noch als äußerst gering.

In den USA müssen sich neben VA Linux Systems Inc., Ariba Inc. und Calico Commerce Inc. jetzt auch Red Hat und PlanetRX.com vor Gericht verantworten. Und das soll erst der Anfang sein: "Wir wollen, dass auch über die großen Dotcoms die Wahrheit ans Licht kommt. Dann sehen die Leute, dass viele Börseneinführungen manipuliert wurden", sagt der New Yorker Rechtsanwalt Howard Sirota.

Die beschuldigten Börsenneulinge und ihre Konsortialbanken sollen manchen Investoren bevorzugt Aktien zugeteilt haben. Diese Investoren hätten zugesagt, später weitere Aktienpakete zu höheren Preisen zuzukaufen. Solche Kopplungsgeschäfte, auch "Tie-In Arrangements" genannt, verzerren den Kurs einer Aktie, kritisiert die Anklage.

Zudem sollen Anleger, denen die begehrten Aktien zugeteilt wurden, damit einverstanden gewesen sein, überteuerte Gebühren für Transaktionen und andere Wertpapiere zu zahlen. Eine Vorgehensweise, die sowohl von den Unternehmen als auch von ihren Konsortialbanken verheimlicht worden sei, behauptet die Anklage.

Fragwürdige Praktiken auch in Deutschland

Ähnliche Absprachen existieren offenbar auch bei deutschen Börsengängen. "Da gibt s alle möglichen Deals", sagte gestern ein Rechtsanwalt, der selbst Börsengänge begleitet hat. Gerüchte über interne Absprachen bei Börsengängen waren zum Beispiel nach der Emission des Neuer-Markt Endemann Internet AG-Unternehmens aufgetaucht. DSW-Hauptgeschäftsführer Hocker sprach von Gerüchten, wonach Banken vorab zugesicherte Aktienzuteilungen erhalten hätten. Diese Pakete hätten die Institute zum Emissionkurs erhalten und nach dem Börsengang mit meist hohen Zeichnungsgewinnen verkaufen können. Bei Endemann lag laut Hocker der Emissionskurs bei 23 Euro, der Aktienkurs stieg jedoch am ersten Handelstag über 100 Euro.

Eine Richtlinie der Frankfurter Börsensachverständigenkommission fordert Transparenz bei der Aktienzuteilung. Rechtlich bindend ist diese Forderung jedoch nicht.

Bei vielen Internet-Unternehmen dürften Anleger heute froh sein, wenn sie bei Börsengängen leer ausgingen. Das gilt auch für die jetzt verklagten US-Firmen Red Hat und PlanetRX.com. Red Hat, die das Linux-Computerbetriebssystem vertreibt, wagte im August 1999 den Sprung an die Börse. Wurde die Aktie mit 14Dollar in den Handel eingeführt, kletterte sie schnell auf ein Rekordhoch von 52,06Dollar. Bis zum vergangenen Freitag waren Red Hat auf 6,09Dollar abgerutscht. Noch schlimmer steht es um PlanetRX.com: Der Aktienkurs des Online-Drugstore ist von 292Dollar vor zwei Jahren auf 27 US-Cents eingebrochen.

Einem Sprecher von Red Hat zufolge "entbehrt die Klage jeder Grundlage". PlanetRX.com wollte sich nicht äußern. US-Anwalt Sirota und sein Kollege Christopher Lovell haben bereits einen ähnlichen Fall gegen sieben Konsortialbanken, darunter Morgan Stanley Dean Witter & Co. und Goldman Sachs Group LP vorgebracht. Beide Häuser wollten die Vorwürfe nicht kommentieren.

In den USA untersuchen derzeit auch die Bundesstaatsanwaltschaft und die Börsenaufsichtsbehörde, ob IPO-Investoren für die begehrten jungen Aktien zu hohe Gebühren gezahlt haben.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%