Vorwürfe der Taliban zurückgewiesen: "Wir haben niemanden bekehrt"
Angeklagte äußerten sich in Kabul erstmals vor Gericht

Die acht westlichen Shelter-Now-Mitarbeiter haben am Wochenende in Kabul erstmals vor Gericht zu den gegen sie erhobenen Vorwürfen Stellung genommen. Sie erklärten sich für nicht schuldig im Sinne der Anklage. Einer der deutschen Angeklagten sagte, die Beschuldigungen seien einfach nicht wahr. "Wir haben niemanden bekehrt", sagte Georg Taubmann am Samstag.

ap KABUL. Die regierenden Taliban nahmen unterdessen Dutzende afghanische Mitarbeiter der Ende August geschlossenen Hilfsorganisation International Assistance Mission (IAM) fest. Die ausländischen Mitarbeiter von IAM waren ebenso wie Mitarbeiter der christlichen Hilfsorganisation SERVE wegen Verbreitung des Christentums ausgewiesen worden. Die am Sonntag inhaftierten 35 afghanischen Mitarbeiter folgten einer Aufforderung der Taliban, wonach sie ihre noch ausstehenden Löhne im Planungsministerium abholen sollten. Dabei wurden sie festgenommen.

Zunächst war nicht bekannt, ob sie möglicherweise nur vernommen werden sollten. Die Taliban äußerten sich nicht. Taubmann erklärte, die Gruppe sei bestürzt über die Vorwürfe und habe bislang keine Gelegenheit erhalten, sich zu verteidigen. Der Oberste Richter am Obersten Gericht Afghanistans, Nur Mohammed Sakib, sagte, die vier Deutschen, zwei Amerikanerinnen und zwei Australier dürften sich einen Anwalt nehmen. Dieser könne Afghane oder Ausländer, Moslem oder Nichtmoslem sein.

Der Vorsitzende von Shelter Germany, Udo Stolte, erklärte in der Deutschen Welle, er erwarte einen fairen Prozess für die Angeklagten und schätze deren Chancen positiv ein. Er gehe davon aus, dass sie als unschuldig beurteilt werden müssten, erklärte er in dem Interview vom Samstag. Zu der Anhörung trafen auch drei Diplomaten aus Deutschland, Australien und den USA sowie zwei Angehörige der beiden angeklagten Amerikanerinnen am Gericht ein. Der Generalkonsul der US-Botschaft in Pakistan, David Donahue, äußerte die Hoffnung, dass die Diplomaten nun regelmäßigen Zugang zum Prozess erhalten.

Verfahren unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Donahue und seine beiden Kollegen sind seit fast zwei Wochen in Afghanistan, haben ihre Landsleute aber bis zum Samstag erst einmal sehen dürfen. Am Sonntag sprachen die Diplomaten deswegen im Außenministerium der Taliban vor.

Das Verfahren gegen die Anfang August festgenommenen acht westlichen Mitglieder der Hilfsorganisation hatte am Dienstag unter Ausschluss der Öffentlichkeit begonnen. Ihnen wird christliche Missionstätigkeit vorgeworfen. Seit Dienstag befassten sich der Oberste Richter und 14 Kollegen mit dem Sichten von Beweismaterial, darunter christliche Literatur in afghanischer Sprache. Auch die Angeklagten waren bei den Beratungen der Richter nicht anwesend.

Das Urteil fällt das Richtergremium unter Leitung Sakibs. Zum Strafmaß oder zur Dauer des Prozesses wollte Sakib sich bislang nicht äußern. Das letzte Urteil fällt ohnehin der geistliche Führer der Taliban, Mullah Mohammed Omar. Nach seiner als "Edikt 14" bekannt gewordenen Verfügung droht Ausländern bei Missionstätigkeiten eine Gefängnisstrafe und die Ausweisung, afghanische Moslems dagegen werden hingerichtet. Mit den acht Ausländern waren vor rund fünf Wochen auch 16 afghanische Mitarbeiter von Shelter Now festgenommen worden. Ihnen soll getrennt der Prozess gemacht werden.

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