Vorwurf der Beihilfe zur Verbreitung irreführender Bilanzen
Gerichtsurteil im Trichet-Prozess am 18. Juni

Das Urteil im Prozess gegen den französischen Notenbankchef Jean-Claude Trichet soll am 18. Juni gefällt werden. Das kündigte Richter Olivier Perusset am Mittwoch an. Der Ausgang des Prozesses gilt als entscheidend dafür, ob Trichet Nachfolger des Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), Wim Duisenberg, werden kann.

Reuters PARIS. Der 60-jährige Franzose steht gemeinsam mit acht weiteren Angeklagten im Zusammenhang mit einem Bilanzskandal der ehemaligen Staatsbank Credit Lyonnais Anfang der 90er Jahre vor Gericht. Trichet wird Beihilfe zur Verbreitung irreführender Bilanzen vorgeworfen. Nach den bisherigen Planungen will Duisenberg am 9. Juli, seinem 68. Geburtstag, vorzeitig aus dem Amt scheiden.

Die Staatsanwaltschaft hatte Anfang Februar eine mindestens zehnmonatige Haftstrafe auf Bewährung für Trichet gefordert. Der Zentralbankchef und seine Anwälte wiesen indes alle Vorwürfe zurück. Nach Einschätzung von Analysten kann der Franzose nur dann an die Spitze der Europäischen Zentralbank wechseln, wenn er von aller Schuld freigesprochen wird. Die Regierung in Paris hatte zuletzt bekräftigt, dass sie an Trichet als Duisenberg-Nachfolger festhält. Duisenberg hatte mehrfach angekündigt, notfalls länger im Amt zu bleiben, um einen reibungslosen Übergang zu gewährleisten.

Im Rahmen des Prozesses müssen sich auch der ehemalige Credit-Lyonnais-Chef Jean-Yves Haberer und zwei weitere Manager vor Gericht verantworten. Haberer wird beschuldigt, in einer Bilanz Rückstellungen für riskante Investments absichtlich zu niedrig angegeben zu haben, um die vorgeschriebene Mindest-Kapitalausstattung einzuhalten. Trichet wird vorgeworfen, als Direktor des Schatzamtes, das für die Aufsicht von Staatsunternehmen verantwortlich ist, die Praktiken gebilligt zu haben.

Der Staatsanwalt hatte die Vorwürfe als völlig begründet bezeichnet. Trichet dagegen hatte alle Anschuldigungen zurückgewiesen. Als Schatzamtsdirektor habe er keinen Einfluss auf Strategie oder Bilanzierung der Bank gehabt. Weder im Schatzamt noch bei der Bankenaufsicht der Notenbank sei man auf die Idee gekommen, dass die Bilanz von Credit Lyonnais gefälscht sein könnte.

Trichet gilt bislang als aussichtsreichster Kandidat für die Nachfolge Duisenbergs. Der Franzose war auf einem EU-Gipfel im Mai 1998 auf Drängen des französischen Präsidenten Jacques Chirac informell zum Nachfolger des 67-jährigen Niederländers bestimmt worden, der vor Ablauf der regulären achtjährigen Periode das Präsidentenamt abgeben sollte. Abgesehen von seiner Verwicklung in den Bankenskandal gilt Trichet als höchst qualifiziert für das Amt des EZB-Chefs und als energischer Verfechter einer stabilitätsorientierten Zinspolitik.

Bisher ist zumindest in der Öffentlichkeit noch nichts über Alternativkandidaten bekannt. Spekuliert wird unter anderem über den ehemaligen EZB-Vizepräsidenten Christian Noyer, obwohl dieser 2002 wie vorgesehen nach vier Jahren als erster aus dem EZB-Direktorium ausschied und eine zweite Amtszeit formal eigentlich nicht möglich ist.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%