Vorzeichen für Crash-Szenario mehren sich
Der Neue Markt wird gerade beerdigt

Die niedriger als erwartete Zinssenkung der US-Notenbank und die Greenspan-Äußerungen zur Konjunktur haben den Stein erneut ins Rollen gebracht: Der Neue Markt ist im freien Fall. Bei 1 000 Punkten war das Wachstumssegment vor vier Jahren gestartet. Dieser Marke nähert sich der Markt nach den Höchstständen des letzten Jahres von über 9 000 Zählern inzwischen deutlich. Verluste von 100 Zählern pro Tag scheinen an der Tagesordnung zu sein. Hoffnung auf deutlich steigende Kurse ist vorerst nicht in Sicht, schätzten Händler die Lage ein

dpa-afx FRANKFURT. Die niedriger als erwartete Zinssenkung der US-Notenbank und die Greenspan-Äußerungen zur Konjunktur haben den Stein erneut ins Rollen gebracht: Der Neue Markt ist im freien Fall. Bei 1 000 Punkten war das Wachstumssegment vor vier Jahren gestartet. Dieser Marke nähert sich der Markt nach den Höchstständen des letzten Jahres von über 9 000 Zählern inzwischen deutlich. Verluste von 100 Zählern pro Tag scheinen an der Tagesordnung zu sein. Hoffnung auf deutlich steigende Kurse ist vorerst nicht in Sicht, schätzten von dpa-AFX befragte Händler die Lage ein.

Der Neue Markt werde gerade beerdigt, zeichnete ein Händler ein düsteres Bild des ehemaligen Wachstumssegments. Selbst kleine Verkäufe lösten "überproportionale Kursschwankungen" aus; Umsätze und Kursbewegungen stünden "in keinem Verhältnis mehr". Ein Boden scheine immer noch nicht erreicht zu sein. Seit letztem Sommer warteten die Anleger auf eine Rally und würden immer wieder eines Besseren belehrt werden, aber die Mehrheit habe "ohnehin selten Recht". Nun seien auch "die letzten Bullen verstimmt", ergänzte er.

Korrigierte Gewinnprognosen halten Käufer ab

Das Problem sei das "G" im KGV (Kurs-Gewinn-Verhältnis), sagte der Händler: Wenn die Unternehmensgewinne weiter fallen, weiß niemand, ob ein KGV von zehn nicht morgen bei 50 liegt und die Aktie weniger attraktiv ist, erklärte der Händler. Solange die Warnungen vor schlechter als erwartet ausfallenden Geschäftszahlen anhalten, werde es keine Käufe geben; die Angst der Anleger sei einfach zu groß. Und derzeit würden wieder einmal Quartalsberichte vorgelegt - und Gewinnprognosen zurückgenommen. Kurzfristig könne da auch eine Zinssenkung nichts bewirken; das hätten schon die Zinsschritte der jüngsten Zeit gezeigt. Zumal die Senkung der Leitzinsen um 50 Basispunkte des Offenmarktausschusses der amerikanischen Federal Reserve (Fed) vom Wochenbeginn keine Überraschung gewesen sei. Problematisch seien vielmehr die Kommentare von Greenspan, dass sich die US-Konjunktur doch nicht so bald erholen werde.

Keine Hoffnung auf richtigen Bullenmarkt

Auch wenn es "nicht mehr viel schlimmer" kommen könne, gebe es "keine Hoffnung auf einen richtigen Bullenmarkt, wie wir ihn im letzten Jahr hatten", gab ein Händler eine düstere Prognose ab. Dafür sei "zu viel Porzellan zerschlagen" worden. Wenn es einen Aufwärtstrend geben wird, dann sehr selektiv: Drei Viertel des Marktes werden außen vor bleiben; es werde sich eine "Zwei-Klassen-Gesellschaft" am Aktienmarkt entwickeln. Um das "Problem am einfachsten zu lösen, sollte es eine rechtliche Handhabe geben, um einige Werte vom Neuen Markt entfernen zu können", schlug er vor. Denn von den 339 notierten Aktien hätten etwa 250 enttäuscht, sei es durch verfehlte Gewinnerwartungen oder Betrügereien.

Die Anleger würden nicht mehr zwischen einzelnen Werten differenzieren, schätzte Guiseppe Guide Amato, Händler bei Lang & Schwarz, das Verhalten der Investoren ein. Es werde einfach alles verkauft. "Wir befinden uns in einem klassischen Bärenmarkt mit beschleunigtem Abwärtstrend", ergänzte er. Auffällig sei, dass einige kleine Werte zulegen, aber "was sind acht Prozent bei Aktien, die zwei bis fünf Euro kosten", fragte er.

Ausverkauf in Sichtweite

Allmählich käme der Markt in ein Szenario, wo weitere schlechte Meldungen einen richtigen Ausverkauf auslösen könnten, den der Markt bislang noch nicht gesehen habe, erklärte Amato. Die bisherigen Kursverluste seien "immer noch nicht dramatisch genug" gewesen. Der Markt müsse richtig einbrechen, um sich erholen zu können. Die Voraussetzungen dafür mehrten sich: Für den NEMAX gebe es inzwischen keine seriös herleitbaren Unterstützungen mehr, und die Aktienmärkte in den USA täten das Übrige:

Der NASDAQ 100 hätte bei ca. 1 600 Punkten "einen wichtigen flachen Aufwärtstrend". Durchbricht der Index diese Marke, werde "sich der Neue Markt dem nicht entziehen können". Und auch der Dow Jones könne seinen Beitrag zu weiteren Kursverlusten leisten. Der Standardwerte-Index sei inzwischen ebenfalls "anfällig" geworden: Denn nach den Verlusten an den Wachstumswerten hätten viele Anleger ihr Heil in der Old Economy gesucht - vergebens. Auch hier gehe es weiter abwärts. Kämen diese Faktoren zusammen, dann sei der Boden für ein "Crash-Szenario" bereitet, wo es "an zwei, drei Tagen durch die Bank mit hohen Umsätzen nach unten geht", prophezeite der Händler.

Die erwartete Erholung im zweiten Halbjahr betrachtet Amato mit Skepsis: Darauf würden noch zu viele Marktteilnehmer spekulieren und den finalen Ausverkauf, der für "einen nachhaltigen Aufwärtstrend" notwendig sei, verhindern.

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