Votum
Kommentar: Kein Gault Millaut für Anwälte

Anwälte halten sich für unvergleichbar. Aber kann das sein? Unvergleichbar gut? Jeder einzelne der 110 000 hier zu Lande?

Man möchte sich die Augen reiben. Noch heute, wo alles und jedes verglichen wird - Produkte wie Dienstleistungen - wollen sich Advokaten immer noch nicht in Leistungsvergleichen einordnen lassen. Und schon gar nicht in profane Tabellen, unter erstens, zweitens, drittens. Viel zu schnöde.

Auch heute wollen sich die meisten immer noch nicht damit abfinden, dass gerankt wird. Unangreifbare, regelmässig ersscheinende Listen, die Top-Experten küren - die musste hier zu Lande erst der Juve Verlag etablieren. Und der muss sich heute noch massiver Anwälte-Attacken erwehren: Sogar von der Anwaltskammer München, die als Lobbyistenvereinigung von Zwangsmitgliedern - großen wie kleinen Kanzleien - finanziert wird. Sprich: Einseitig Stellung darf sie nicht beziehen. Kein geringerer als das Bundesverfassungsgericht sorgten deshalb erst vor wenigen Wochen, dass jetzt auch das fünfte Juve-Buch über Wirtschaftsanwälte erschien. Und richtig spannend wäre es, wenn bald auch Listen mit schwarzen Schafen, den, veröffentlicht würden. Wer ein Schaumschläger ist und Mandanten schadet.

Ich frage mich nur, warum wollen ausgerechnet Anwälte sich nicht dem Alltagstest stellen? Ist es unter ihrer Würde? Sogar Richter müssen sich Leistungsvergleiche gefallen lassen: wer wie lange für wie viele Fälle braucht. Warum soll da ein Dienstleister wie ein Advokat eine heilige Kuh sein? Warum soll geheim bleiben, wie gut oder schlecht seine Arbeit ist? Die Beurteilung fällt den Kunden selbst schwer. Vielleicht hatten viele Juristen einfach nur Glück, dass sie so lange unbehelligt schlechte Arbeit abliefern konnten. Doch die Zeit lässt sich nicht mehr zurück drehen, auch wenn viele es sich wünschen. Die Qualität von Anwälten fällt nicht unter die Schweigepflicht, wie es jahrelang glauben machen wollten, um Wettbewerb zu verhindern.

Zumindest die Top-Juristen - egal ob in Großkanzleien oder in hochspezialisierten kleinen Sozietäten - haben verstanden. Sie merkten, dass die neue Markttransparenz, die durch Anwäte-Rankings entstand, ihnen handfeste Vorteile brachte. Wer bekannt wurde für seine namhaften, profitablen Mandate, zu dem kamen andere klangvolle Namen. Und dorthin strömte plötzlich der talentierte Nachwuchs, frei zur Auswahl.

Die Masse der Anwälte wird von den Rankings der Großen nicht tangiert. Für sie wird es erst heikel, wenn Lokalzeitungen auf die Idee kommen, Anwälte-Rankings ihrer Stadt zu veröffentlichen und dann ins Internet stellen. Am besten mit Links auf Städte-Homepages wie www.duesseldorf-today.de.
Übrigens: Auch Redakteure werden gemessen. Laufend. An den Verkaufszahlen ihres Blatts, damit die Werbewirtschaft weiss, ob und wo es sich lohnt, zu werben.

Ich fordere: Ein Anwalt, der Rankings verteufelt, muss konsequent sein. Der darf auch keinen Restaurantführer kaufen, keinen Gault Millaut und keinen Schlemmer Atlas von Varta. Durch die er die Adressen der besten Küchenchefs oder der besten Weinkarte findet. Tabu. Oder gilt die Vergleichbarkeit nur für andere Dienstleister?

Claudia Tödtmann ist Redakteurin im Ressort Karriere beim Handelsblatt in Düsseldorf.

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