W.E.T. Automotive profitiert vom ungarischen Standort „Ungarn bewahrte uns vor der Pleite“

"Wenn wir damals nicht nach Ungarn gegangen wären, dann gäbe es uns heute auch in Deutschland nicht mehr", sagt Robert Kafka, Geschäftsführer der W.E.T. Automotive Systems AG Ungarn. Vor allem das niedrige Lohnniveau hatte 1994 die bei München angesiedelte W.E.T. nach Ungarn gelockt. Das Tochterunternehmen produziert heute vier Fünftel aller europaweit ausgelieferten Sitzheizungen der Gruppe, mindestens 30 000 täglich. Im Geschäftsjahr 2002/03 erwirtschaftete die Tochter ein Drittel des Gesamtumsatzes von 177 Mill. Euro.
  • Reinhold Vetter
Der Heldenplatz in Budapest. Foto: Martin Feyr

Der Heldenplatz in Budapest. Foto: Martin Feyr

PILISSZENTIVÁN. Große Aufschriften in den modernen Werkshallen in Pilisszentivan, dreißig Kilometer vor Budapest, verraten, dass VW, Audi, BMW und Bosch zu den Hauptabnehmern der Sitzheizungen und der hier ebenfalls produzierten Kabelbäume gehören. Auch einige andere westliche Investoren haben sich in dem Ort mit dem für deutsche Zungen fast unaussprechlichen Namen niedergelassen, schon in sozialistischen Zeiten ein traditioneller Industriestandort. Das moderne, 2002 in Betrieb genommene Fabrikgebäude hat eine ungarische Baufirma in acht Monaten aus dem Boden gestampft. "Dafür haben wir sogar einen Preis der ungarischen Wochenzeitung Figyelö bekommen", freut sich Kafka.

Die 1 450 Beschäftigten produzieren nach dem so genannten TPS-System, bei dem Leistung und Entlohnung auch von der Kooperation in kleinen Gruppen abhängen. Produktionsleiterin Szilvia Bagi hat das seinerzeit von Toyota entwickelte System auf die Bedürfnisse von W.E.T. angewandt. Es klingt wie selbstverständlich, wenn sie sagt: "Wir arbeiten auch samstags." Über die Löhne will sie nur verraten, dass diese weit über dem ungarischen Durchschnittslohn lägen.

W.E.T. beschäftigt in Pilisszentiván aber auch 60 Ingenieure, die Sitzheizungen technisch weiterentwickeln. Das entspricht einem Trend unter ausländischen Investoren in Ungarn: Weg von der reinen Lohnveredelung, hin zu kombinierter Produktion, Forschung und Entwicklung. Robert Kafka nennt den Mangel an qualifizierten Ingenieuren in den Jahren 2000 im Großraum München als einen Grund dafür, ein Technologiezentrum in Ungarn zu errichten. "Die Qualifikation eines jungen ungarischen Ingenieurs, der sein Studium abgeschlossen hat, ist mit dem eines deutschen Kollegen gleichwertig", sagt er.

Probleme gebe es aber, wenn es um die Kommunikationsfähigkeit gehe. Ungarischen Ingenieuren, so Kafka, falle es meistens schwer, sich selbstbewusst zu verkaufen, gerade auch im Umgang mit deutschen Kunden. Erst vor wenigen Tagen habe man dazu eine interne Diskussion veranstaltet. "Dabei standen drei Begriffe auf der Tafel des Schulungsraums: Mut, Selbstbewusstsein, Kommunikation." In nächster Zeit wolle man verstärkt Fortbildungsmaßnahmen organisieren und ungarische Mitarbeiter nach Deutschland schicken, damit sie Zusammenarbeit in internationalen Teams trainieren könnten.

Mit den Behörden hat Robert Kafka unterschiedliche Erfahrungen gesammelt. Die Beziehungen zum Bürgermeister im Ort seien exzellent, gerade habe man auch eine sehr kleinliche Steuerprüfung über sich ergehen lassen. Das zum Teil sehr träge Vorgehen des Zolls sei gerade für Automobilzulieferer ärgerlich, die schnell liefern müssten. Kafka wörtlich: "Ich habe den Eindruck, dass sich die Zustände beim Zoll sogar noch verschlechtern je näher der EU-Beitritt im Mai 2004 rückt." Die W.E.T. spürt wie andere Investoren in Ungarn immer mehr den Kostendruck, vor allem durch gestiegene Löhne: "Heute müssen wir viel deutlicher auf die Zahlen schauen als vor Jahren. Außerdem haben wir unternehmensinterne Konkurrenz aus China bekommen."

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