Wachsende Armut vieler Argentinier verschärft soziale Spannungen
Eine Welle der Gewalt überrollt Buenos Aires

Die Bewohner im Großraum von Buenos Aires werden von einer bisher nicht gekannten Zahl von Gewalttaten in Atem gehalten. Täglich berichten die Medien über neue spektakuläre Entführungen, Raubüberfälle und Mord. Nach der Statistik passiert dort alle fünf Minuten ein Schwerverbrechen.

HB BUENOS AIRES. Zwar sorgten Rezession und steigende Arbeitslosigkeit schon seit Jahren für ein Ansteigen der Kriminalitätsrate in den Ballungszentren des Landes. Doch jetzt hat die ungewohnte Brutalität der Verbrechen das Thema in den Mittelpunkt der Diskussionen gerückt.

Die ausufernde Kriminalität und vor allem die bisher in Argentinien so nicht gekannten Entführungsfälle versetzen die Mittel- und Oberschicht in Buenos Aires in Schrecken. Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts "Equis" änderten 70 % der Bevölkerung in diesem Ballungsraum wegen der angespannten Sicherheitslage ihre Lebensgewohnheiten. 79 % kennen jemanden, der Opfer eines Verbrechens wurde. Während 57 % in der Arbeitslosigkeit das größte Problem des Landes sehen, steht bei 52 % die Kriminalitätsrate an erster Stelle.

"Bis vor wenigen Jahren hatte Argentinien ein Sicherheitsprofil ähnlich dem von Italien oder Spanien. Heute haben wir Zustände wie in Brasilien oder Venezuela", sagt Frank Holder, Direktor für Lateinamerika in der Sicherheitsberatung Kroll International. "Seit wir uns 1995 in Argentinien niedergelassen haben, gab es nie so eine große Nachfrage nach Wachpersonal, nie haben wir Präventionskurse für Entführungsfälle gegeben. Aber seit einigen Monaten ist die Nachfrage hier genau so groß wie in unserer Zweigstelle von Sao Paulo." In der ersten Hälfte des Jahres stieg die Nachfrage nach Sicherheitsdiensten um 50 % im Vergleich zum Vorjahr. Große Unternehmen - vor allem Banken, Supermärkte und Versicherungen - steigerten ihre Ausgaben für Sicherheitsleistungen um 30 %.

Die Wurzeln des Übels sind einerseits der soziale Niedergang, gleichzeitig aber auch die schlecht bezahlte und oftmals korrupte Polizei. Seitdem sich Argentinien für zahlungsunfähig erklärt hat und der Peso abgewertet wurde, haben die schnell steigende Arbeitslosigkeit und die Inflation zu einem Anwachsen der Armut geführt. Im Großraum Buenos Aires lebt knapp die Hälfte der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. Schon seit langem zirkulieren auch Berichte über Korruption bei der Polizei. Angeblich arbeiten Polizisten mit Verbrechern zusammen und kassieren nach Raubüberfällen ab. Das Justizministerium hat nun eine massive Verstärkung der Sicherheitskräfte in Buenos Aires angekündigt.

Doch "verschärfte Polizeikontrollen ändern nichts an dem sozioökonomischen Grundproblem", meint der Gouverneur von Buenos Aires, Felipe Solá. Ein Ende des wirtschaftlichen Niedergangs auf Grund der bankrotten Staatsinstitutionen und fehlender Geldmittel bei den Unternehmen ist nicht abzusehen. Die argentinische Regierung legte dem Internationalen Währungsfonds Ende vergangener Woche eine Absichtserklärung für ein Kreditabkommen vor. Doch die Argentinier konnten bisher keine befriedigenden Lösungen im Bereich der Geldpolitik und für die Sanierung des Banken- und Finanzsystems vorweisen.

Anne Grüttner ist Handelsblatt-Korrespondentin in Madrid.
Anne Grüttner
Handelsblatt / Korrespondentin
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