Wachstum 2002
Analyse: Deutschland ist kein Schnellzug

Die Nachricht hört sich gefährlich an: Nur noch um 1,5 Prozent, so heißt es, könnte die deutsche Wirtschaft im nächsten Jahr wachsen. Für die öffentlichen Haushalte wird sich das als Problem erweisen, hatte die Politik doch mit einer Rate um 2 1/4 Prozent gerechnet. Aus konjunktureller Sicht aber sind 1,5 Prozent nicht dramatisch; sie stützen keine Rezessionsängste.

Aus heutiger Sicht nach den Anschlägen dürfte die deutsche Wirtschaft im zweiten Halbjahr dieses Jahres stagnieren. Damit startet sie - statistisch gesehen - in das nächste Jahr ohne Wachstumsüberhang. Das heißt im Klartext: Die 1,5 Prozent Plus werden voll im kommenden Jahr erwirtschaftet. Die mageren vielleicht 0,8 Prozent in diesem Jahr speisen sich zum Teil aus dem Wachstumsüberhang des Boomjahres 2000. So wie sie die tatsächliche Entwicklung überzeichnen, so unterzeichnen der Tendenz nach die 1,5 Prozent das Wachstum im kommenden Jahr. Das zeigt: Die Zahl birgt die - gerechtfertigte - Erwartung, dass die Konjunkturwende kommt und das Wachstum im Jahresverlauf sich stark beschleunigen wird. Deshalb klingen 1,5 Prozent schlimmer, als sie in Wirklichkeit sind.

Dramatik strahlt diese Zahl ohnehin nicht aus. Die deutsche Wirtschaft ist im Jahresdurchschnitt seit 1980 mit zwei Prozent gerade mal wenig stärker gewachsen. Man mag solche Raten nach dem Überschwang des Ausnahmejahres 2000 mit seinen 3,0 Prozent ja gering schätzen. Es entspricht aber dem, was die reformscheue und konsensorientierte deutsche Politik sich an Wachstum gönnt. Wer mehr will, der muss fundamentale Aufschwungkräfte stärken, durch weiter gehende Steuersenkungen und durch eine Befreiung des Arbeitsmarkts wie der Unternehmen von hemmenden Fesseln der Regulierung. Der muss loslassen von der Illusion, die Bequemlichkeit des Wohlfahrtsstaates sei ohne Kosten zu haben. Ein Teil dieser Kosten zeigt sich darin, dass Deutschland unter den Industriestaaten nicht mehr zu den Schnellzügen gehört.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%