Wachstum schwächt sich weiter ab – Wirtschaftsforscher erwarten Konjunkturbelebung im vierten Quartal
Stagnation in Deutschland

Nach der starken Wachstumsabschwächung mehren sich die Forderungen nach einer Zinssenkung der EZB. Der Wirtschaftsweise Rürup geht von einem deutlichen Zinssignal am 30. August aus.

ari DÜSSELDORF. Die deutsche Wirtschaft stagniert. Gegenüber dem ersten Vierteljahr wurde im zweiten Quartal überhaupt kein Wachstum erzielt. Im Vergleich zur Vorjahreszeit ist das reale Bruttoinlandsprodukt nur noch um 0,6 % gestiegen. Dies war die geringste Zunahme seit Anfang 1997. Während sich der private Konsum robuster als bisher präsentierte, waren die Investitionen rückläufig. Deutschland dürfte damit Wachstums-Schlusslicht in der Euro-Zone geblieben sein.

Obwohl die neuen Zahlen des Statistischen Bundesamtes im Bereich der Erwartungen liegen, überprüfen die großen Wirtschaftsforschungsinstitute ihre Prognosen. Dies ergab eine Umfrage des Handelsblatts. Eine wesentliche Rolle spielen dabei umfangreiche, rückwirkende Revisionen. So hat die Konjunkturschwäche im vergangenen Jahr früher eingesetzt und ist kräftiger ausgefallen als bisher ausgewiesen. Trotz der Stagnation im zweiten Quartal rechnet aber keines der Institute mit einem Abgleiten der Wirtschaft in eine Rezession.

Vor allem das Hamburger HWWA-Institut und das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) sehen Bedarf zur Korrektur. Schließlich liegen sie mit ihren Vorhersagen von 1,7 % noch relativ hoch. Die neue HWWA-Prognose wird, so Eckhardt Wohlers, zwischen 1,0 und 1,5 % liegen, die neue IWH-Schätzung laut Udo Ludwig "wohl unter 1,5 %".

Das Institut für Weltwirtschaft (IfW), das Ifo-Institut und das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) waren mit 1,3 % bis 1,0 % schon vor den Sommerferien wesentlich tiefer gegangen. Auch Ifo will laut Gernot Nerb von seinen 1,2 % vorerst nicht abgehen. Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) behält seine Schätzung für 2001 von 1,5 % bei, rechnet für 2002 aber jetzt nur noch mit 2,1 % (bisher 2,3 %).

Joachim Scheide vom Kieler IfW erläuterte, das Ausmaß der Korrektur werde auch von der Einschätzung des Konjunkturumfeldes abhängen. Im laufenden dritten Quartal erwarten die Institute, dass die Stagnation anhält, im Schlussquartal hingegen nach wie vor eine Konjunkturbelebung. Neben dem ersten Signal, dem im Juli gestiegenen Ifo-Geschäftsklima, könnten bessere Nachfragedaten im dritten Quartal dazu ein Baustein sein.

Die Institute bauen ferner darauf, dass der Preisdruck in Deutschland bis Jahresende weiter nachlässt. Im August sind die Preise zum Vormonat nach ersten Berechnungen um 0,2 % gesunken, auf Jahresbasis blieb die Teuerungsrate mit 2,6 % unverändert.

Der Wirtschaftsweise Bert Rürup sieht für 2001 keine Aussicht auf eine durchgreifende Wende. "Das Wirtschaftswachstum wird gegen Ende des Jahres kaum über einem Prozent liegen", sagte das Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung in einem Reuters-Interview. Rürup forderte die Europäische Zentralbank (EZB) erneut auf, die Zinsen in der nächsten Sitzung des EZB-Zentralbankrats zu senken: "Ich gehe von einem deutlichen Zinssignal am 30. August aus."

Demgegenüber meinte Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD), es bestünden durchaus Chancen, dass die Auftriebskräfte im weiteren Jahresverlauf die Oberhand gewännen. Er sieht das Wachstum Deutschlands inzwischen bei 1,5 % bis 2 %.

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