Wachstum um jeden Preis
Ryanair am Rande der Realität

Der aggressive Kurs von Michael O’Leary macht die Aktie zum Risikopapier.

In Schlabber-T-Shirt und Bluejeans sah Michael O?Leary am Dienstag eher wie ein Hausbote denn ein Konzernchef aus, als er in London die Jahreszahlen seines Billigfliegers Ryanair der Presse präsentierte. So einfach der Aufzug des Iren auch war, so feurig entschlossen funkelten seine Augen. Und nicht nur das: O?Leary will die Nummer Eins am europäischen Himmel werden, bis 2006 die Platzhirsche Lufthansa und British Airways als Marktführer verdrängen.

Mit markigen Sprüchen präsentierte er sich als Visionär und Macher. Doch wer dem Ryanair-Chef ins Gesicht blickte, als er am Ende für die Fotografen die Hände zum Siegeszeichen in die Höhe riss und sein breitestes Grinsen zeigte, sah Anflüge von Größenwahn.

Noch folgen die Anleger dem exzentrischen Luftfahrt-Rüpel unbeirrt. Für die Ryanair-Aktie scheint seit Jahren nur der Himmel die Grenze zu sein. Inzwischen ist das Papier so hoch bewertet, dass die Fluggesellschaft an der Börse mehr wert ist als etablierte Branchengrößen wie Lufthansa. Der Höhenflug wird selbst O?Leary langsam unheimlich. Am Montag spekulierte er öffentlich über eine bevorstehende Korrektur. "Wenn unser Wachstum den Aktienkurs fallen lässt - gut."

Andere Konzernchefs würden für solche Aussagen aus dem Amt gejagt. O?Leary dagegen befindet sich längst in ganz anderen Sphären. Er berauscht sich und die Anlegerschaft an der Vorstellung, schon im Jahr 2010 über 50 Mill. Fluggäste im Jahr befördern zu können, mehr als dreimal so viele wie heute. Dazu haben die Iren 125 neue Flugzeuge bestellt und sich die Option auf 125 weitere gesichert. Mit noch tieferen Schnäppchenpreisen will O?Leary den etablierten Airlines weitere Kunden abspenstig machen. Außerdem plant er eine massive Ausweitung des Streckennetzes.

Mit diesem Wachstum um jeden Preis dürfte Ryanair bald der Flugwind ungewohnt scharf ins Gesicht wehen. Bisher waren die Billigflieger in Europa so klein, dass sie sich aus dem Weg gehen konnten. Direkte Konkurrenz war selten. Mit der massiven Steigerung der Kapazität und der Gründung neuer Anbieter ist der Frieden vorbei. Seit Germanwings und Hapag-Lloyd-Express von Köln fliegen, ist die Auslastung der Ryanair-Maschinen am Flughafen Hahn im Niemandsland des Hunsrück eingebrochen. Zu Jahresbeginn erreichten die Iren nur noch eine Quote unter 60 % - ein erster Vorgeschmack auf die Überkapazitäten, die die Branche erwarten.

O?Leary ahnt, was auf ihn zukommt, und warnt vorsorglich vor einer sinkenden Marge. Nach 28 % im abgelaufenen Geschäftsjahr soll sie schon im laufenden Berichtszeitraum auf rund 20 % abstürzen. Die Zeit der Traumrenditen ist vorbei.

Härter wird die Konkurrenz nicht nur unter den Billigfliegern. Auch die etablierten Fluggesellschaften kämpfen mit. O?Leary hat sie fahrlässigerweise gar nicht mehr auf der Rechnung, beschimpft sie allenfalls als "Hochpreis-Bastarde". Doch die Arroganz wird sich rächen. Lufthansa etwa hat bewiesen, dass sie Billiganbietern Paroli bieten kann. Immer wenn die Deutsche BA Kampfpreise anbot, hielt Lufthansa dagegen - und siegte.

Wie die Fluggäste reagieren, wenn ihre Anfangseuphorie für die Billigflieger nachlässt, ist ebenfalls leicht vorherzusagen. Millionen Menschen werden nicht weiterhin in die Pampa zu Flughäfen fahren, die den Charme von Bretterbuden haben. Um mitreden zu können, reicht ein Billigflug-Abenteuer.

Für die Ryanair-Aktie verheißt die Zukunft nichts Gutes. Die Schlacht an Europas Himmel hat erst begonnen. Spätestens wenn Konzernchef O?Leary die ersten schweren Kampfverletzungen nicht mehr mit breitem Grinsen verdecken kann, werden die Anleger die Billigflieger-Blase an der Börse platzen lassen.

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