Wachstumserwartungen reduziert
EZB rudert mit Volldampf zurück

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihre Erwartungen für das Wachstum in der Euro-Zone in diesem und im kommenden Jahr deutlich nach unten korrigiert.

Reuters FRANKFURT. Wie aus dem am Donnerstag veröffentlichten EZB-Monatsbericht für Juni weiter hervorgeht, rechnen die Währungshüter für 2004 mit einem deutlichen Rückgang der Inflation unter ihre Grenze für Preisstabilität von knapp zwei Prozent.

In ihrer Vorhersage, die jeweils im Juni und Dezember veröffentlicht wird, beziffert die EZB das Wirtschaftswachstum im Währungsraum 2003 auf nur noch 0,4 bis 1,0 % nach 1,1 bis 2,1 % in der Dezember-Prognose. Die Notenbank bestätigte damit Informationen der Nachrichtenagentur Reuters vom Mittwoch, die die Zahlen aus geldpolitischen Kreisen erfahren hatte. Für 2004 lautet die Vorhersage jetzt 1,1 bis 2,1 % Wachstum nach einer Spanne von 1,9 bis 2,9 % im Dezember. Im Monatsbericht bekräftigt die EZB, eine Erholung der Weltkonjunktur und der Binnennachfrage werde zu einer allmählichen Konjunkturerholung beitragen, doch es gebe nach wie vor Risiken wie etwa die Unsicherheit über die ökonomischen Folgen der Lungenkrankheit Sars.

Die Jahresteuerungsrate sehen die EZB-Volkswirte im laufenden Jahr mittlerweile bei 1,8 bis 2,2 % nach 1,3 bis 2,3 % vor einem halben Jahr. Für das nächste Jahr liegt die Inflationserwartung mit 0,7 bis 1,9 % spürbar unter den bislang vorhergesagten 1,0 bis 2,2 %. Damit läge die Preissteigerung 2004 im Mittel mit 1,3 auch deutlich unter der EZB-Toleranzgrenze für Preisstabilität von knapp zwei Prozent. Als wesentliche Ursache für die Abwärtsrevision von Wachstum und Inflation verweisen die EZB-Volkswirte auf die Aufwertung des Euro, den geringeren Welthandel und die gedämpfte Inlandsnachfrage.

Abgesehen von den Vorhersagen zu Wachstum und Inflation wiederholt der Monatsbericht im Wesentlichen die Rede von EZB-Chef Wim Duisenberg nach der Zinsentscheidung vor einer Woche. Die Zentralbank hatte den Leitzins wie erwartet um 50 Basispunkte auf einen historischen Tiefstand von 2,00 % gesenkt. Zur Begründung hatte Duisenberg auf die schwache Konjunktur und die Euro-Aufwertung verwiesen, die die Aussichten für die Preisstabilität verbessert hätten. Zugleich hatte Duisenberg die Möglichkeit einer weiteren geldpolitischen Lockerung angedeutet. Nachdem der EZB-Präsident dieses Signal zunächst wiederholt hatte, warnte er am Mittwoch allerdings vor verfrühten Diskussionen über weitere Zinssenkungen. Nach Einschätzung von Analysten wollte Duisenberg damit jedoch nur Übertreibungen an den Märkten verhindern und keine Abkehr vom zuletzt signalisierten Lockerungskurs ankündigen.

In ihrem Monatsbericht bekräftigte die EZB die Einschätzung, "dass die Aussichten für die Preisstabilität auf mittlere Sicht günstiger geworden sind". Die Währungshüter rechnen insbesondere damit, dass die gesunkenen Ölpreise und die Euro-Aufwertung, die Einfuhren nach Europa günstiger macht, die Importpreise dämpfen werden. Zugleich sorge das moderate Tempo der erwarteten Konjunkturerholung für einen nachlassenden inländischen Preisdruck. Hinweise auf das Risiko einer Deflation - also einer Abwärtsspirale aus sinkenden Preisen und einem dauerhaften Nachfragerückgang - gebe es derzeit nicht. "Innerhalb einer Währungsunion ist Deflation kein aussagekräftiger Begriff, wenn er auf einzelne Regionen angewandt wird." In letzter Zeit hatten Wirtschaftsforscher vor einer Deflation in Deutschland, der größten Volkswirtschaft der Euro-Zone, gewarnt. Die deutsche Wirtschaft weist schon länger das geringste Wachstum und die niedrigste Inflation im Euroraum auf.

Die EZB demonstrierte eine gelassene Haltung zu den jüngsten deutlichen Kursgewinnen des Euro. Diese beeinträchtigten zwar die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Exporteure. Gleichzeitig sei allerdings damit zu rechnen, "dass der erwartete Anstieg der Nachfrage aus Ländern außerhalb des Euroraums den dämpfenden Effekt der Aufwertung des Euro-Wechselkurses ausgleichen wird".

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