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Wachstumsland Ungarn auf steinigem Weg zum Euro

Alles wächst wieder in Ungarn: Wirtschaft, Exporte und Investitionen gingen in diesem Jahr deutlich in die Höhe, aber auch Preise, Haushaltsdefizit und, nicht zuletzt, das Selbstbewusstsein der im September personell erneuerten sozial- liberalen Regierung.

dpa-afx BUDAPEST. Alles wächst wieder in Ungarn: Wirtschaft, Exporte und Investitionen gingen in diesem Jahr deutlich in die Höhe, aber auch Preise, Haushaltsdefizit und, nicht zuletzt, das Selbstbewusstsein der im September personell erneuerten sozial- liberalen Regierung. "Warum, zum Teufel, brauchen wir Einsparungen?", fragte in seiner lockeren Art Ministerpräsident Ferenc Gyurcsany in einer Fernseh-Debatte kurz vor seinem Amtsantritt.

Die Frage ist heikel. Denn Ungarn will 2010 den Euro einführen und muss dazu das Haushaltsdefizit von wahrscheinlich knapp sechs Prozent in diesem Jahr bis 2008 auf drei Prozent reduzieren. Gyurcsany (43), Politik-Neuling nach erfolgreicher Geschäftstätigkeit, will das schmerzfrei schaffen. Über eine Steuerreform sollen die besser Verdienenden stärker belastet werden, sagt er. Gyurcsany trat die Nachfolge des glücklosen Peter Medgyessy an. Zum Wirtschaftsminister ernannte er den 31-jährigen Geschäftsmann Janos Koka. Dieser ist gelernter Mediziner, machte sein Geld aber in der IT-Branche und ist auch neu in der Politik.

Der EU-Beitritt am 1. Mai 2004 hatte keine unmittelbaren Auswirkungen, weil Ungarn und die hier aktiven Unternehmer langfristig vorausschauend auf dies Datum hin geplant hatten. Schon im ersten Quartal 2004 war das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 4,2 Prozent gewachsen - ein Rekord nach zwei Jahren Stagnation. Für das Gesamtjahr wird ein BIP-Wachstum von 3,9 bis 4,0 Prozent erwartet, nach plus 2,9 Prozent 2003. Analysten zufolge war das Wachstum in diesem Jahr auf gestiegene Exporte zurückzuführen. Dagegen sei im Vorjahr eher die Binnen-Nachfrage Triebkraft gewesen, die 2002 durch Lohnerhöhungen von 50 Prozent für Beamte angeheizt worden sei.

Spürbar war der Preisanstieg: Nach einer Teuerung um 4,7 Prozent 2003 sollen es jetzt zum Jahresende 6,9 Prozent werden. Die Menschen in der Region reisen, wie früher auch, zum Einkauf bestimmter Konsumgüter in die Nachbarländer. Doch nun hat sich dieser Tourismus verändert. Kurz nach dem EU-Beitritt kauften die Ungarn massenhaft den halb so teuren Zucker im Nachbarland Rumänien, weil eine EU- Regelung ihnen erlaubte, 200 Kilo pro Person einzuführen. Budapest reduzierte diese Menge später auf 20 Kilo, nachdem einheimische Zucker-Produzenten sich beschwert hatten. Früher strömten die Rumänen wegen billiger Lebensmittel nach Ungarn, jetzt ist es umgekehrt.

Fast alle Analysten gehen davon aus, dass sich der Schwerpunkt der neuen Investitionen in Ungarn auf den Sektor Kundendienst und Logistik, vor allem aber auf Forschung und Entwicklung verlagern wird, so dass nun eher hoch qualifizierte Arbeitskräfte gebraucht werden. Ein Beispiel hierfür ist Audi. In der Fabrik im westungarischen Györ ist die Zahl der Motorenprüfstände kürzlich auf 10, die Zahl der Angestellten auf 100 verdoppelt worden. Dagegen hat die Leichtindustrie zum Teil bereits zwei Jahre vor dem EU-Beitritt ihre Fabriken wegen der niedrigeren Löhne noch weiter nach Osten verlegte.

Im Spagat zwischen Wachstumsstreben und Inflationsbekämpfung hat die Gyurcsany-Regierung auch den langjährigen Zwist mit der Nationalbank verstärkt. Die Notenbank, deren Präsident Zsigmond Járai den oppositionellen Rechtskonservativen nahe steht, besteht auf hohen Leitzinsen. Gyurcsany wiederum warnt vor einem zu starken Forint, weil dies die größtenteils exportorientierten einheimischen Unternehmen schädige. Den Streit um eine Gesetzesänderung, die Gyurcsany Einfluss auf die Zinspolitik sichern soll, dürfte Ungarn wohl ins nächste Jahr mitnehmen.

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