Wachstumsschub durch Tumorpräparate
Chance auf neue Krebstherapien steigt

Nach zwei Jahren mit einer Serie von Rückschlägen und Enttäuschungen mausert sich die Krebsforschung zum Wachstumsmotor der Pharma- und Biotechbranche. Neben Meldungen über positive Forschungsresultate sorgt auch die neue Politik der US-Zulassungsbehörde FDA für Zuversicht. Denn unter ihrem neuen Chef Mark McClellan zeichnet sich eine Beschleunigung der Zulassungsverfahren ab. Sie galten in der Vergangenheit als Innovationsbremse.

FRANKFURT/M. Bereits in der laufenden Woche könnte es positive Nachrichten geben, denn in Chicago treffen sich die international führenden Krebsforscher zur Konferenz der American Society for Clinical Oncology (Asco). Vor diesem Forum will der Arzneimittelhersteller Merck KGaA neue Daten einer zentralen Studie über die Wirksamkeit des gemeinsam mit der US-Firma Imclone entwickelten Krebsmedikaments Erbitux präsentieren. Noch in diesem Sommer wollen die Darmstädter die europäische Zulassung für Erbitux beantragen. Das könnte auch dem Entwicklungspartner Imclone helfen, dessen Zulassungsantrag im ersten Anlauf von der FDA zurückgewiesen worden war. Der Skandal der sich daraus entwickelte, hatte vor eineinhalb Jahren das Image der gesamten Branche in Mitleidenschaft gezogen.

Vergangene Woche überraschte das US-Unternehmen Genentech den Aktienmarkt mit der Ankündigung positiver Testresultate ihres Krebsmedikaments Avastin. Die Neuentwicklung hatte im Einsatz gegen Brustkrebs zunächst enttäuscht, weshalb Fondsmanager und Analysten das Produkt bereits abgeschrieben hatten. Nun scheint das Präparat, das die Gefäßbildung blockieren und damit die Bildung von Tumoren verhindern soll, bei der Behandlung von Darmkrebs offenbar schlagkräftiger zu sein, als selbst die Forscher des Unternehmens es erhofft hatten. Der Aktienmarkt reagierte mit einem Kursaufschlag von mehr als 40 % auf diese Meldung.

Schon einen Schritt weiter ist das Tumormedikament Velcade des US-Biotechunternehmens Millennium. Mitte Mai und damit viel schneller als erwartet gab die FDA grünes Licht für das Präparat, das nach Ansicht mancher Experten das Zeug zum Blockbuster hat. Kurz zuvor hatte das britische Pharmaunternehmen Astra-Zeneca die US-Zulassung für Iressa erhalten, ein Medikament, das die Wachstumsfaktoren blockiert, die für das ungebremste Wuchern der Tumorzelle verantwortlich sind.

Die jüngsten Zulassungserfolge sind auch deshalb so wichtig, weil sie das Grundkonzept der "targeted therapy", also der zielgerichteten Therapie untermauern. Diese Therapieform versucht, gezielt an den Mechanismen anzugreifen, die Krebszellen von gesunden Zellen unterscheidet. Wegweisend für den Ansatz, der Ende der neunziger Jahre kurze Zeit für Euphorie sorgte, waren Medikamente wie Rituxan (Genentech/Idec), Glivec (Novartis) und Herceptin (Genentech/Roche). type="organisation" value="CH0012032113" />

Bisher werden Krebserkrankungen meist operativ, mit Bestrahlung oder mit der wegen ihrer Nebenwirkungen gefürchteten Chemotherapie behandelt. Alle diese Verfahren bergen das Problem, dass auch gesunde Zellen geschädigt werden. Besonders nach der Bildung von Tochtergeschwüren (Metastasen) ist eine differenzierende Behandlung oftmals nicht mehr möglich.

Das Marktpotenzial für Krebsmedikamente ist riesig. Nach der neuesten Schätzung der Weltgesundheitsorganisation erkranken jedes Jahr 15 Millionen Menschen an Tumoren. Die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken, steigt mit dem Alter. Durch die steigende Lebenserwartung in den Industrienationen dürfte sich die Zahl der Neuerkrankungen deshalb weiter erhöhen. Etwa im Jahr 2020, schätzen die Statistiker, werde der Krebs die Herz-Kreislauf-Erkrankungen als häufigste Todesursache ablösen.

Während die Medizin in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte bei der Prävention und Behandlung des Herzinfarkts gemacht hat, sind die Therapiemöglichkeiten bei der Diagnose Krebs noch immer sehr eingeschränkt. Daran könnte sich in den nächsten Jahren einiges ändern - selbst wenn sich nur ein Teil der Hoffnung erfüllt, die die Forscher an die 400 Präparate knüpfen, die sich nach Angaben des US-Industrieverbandes in der klinischen Entwicklung befinden.

Überproportional in der Krebsforschung engagiert sind die Biotechnologiefirmen. Aber auch einige Pharmafirmen intensivierten zuletzt ihre Aktivitäten, so Marktführer Roche, der mehrere Allianzen in diesem Bereich einging. Auch Schering und Altana bauen ihre Onkologie-Sparte aus. Amgen schloss einen Forschungsdeal mit der US-Biotechfirma Tularik und Aventis gilt in der Branche als potenzieller Vertriebspartner für Velcade.

Quelle: Handelsblatt

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