Wachstumsschwäche belastet die Gemeinschaftswährung
Euro rutscht auf Jahrestief

Die Interventionsgerüchte sind dahin: EZB-Präsident Wim Duisenberg sieht den aktuell schwachen Euro nicht als Preisrisiko für den Euro-Raum. Analysten erwarten vorerst kein Ende des Kursverfalls.

pw FRANKFURT/M. Nach Äußerungen des Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), Wim Duisenberg, und des Präsidenten der österreichischen Notenbank, Klaus Liebscher, ist der Euro am Mittwoch stark unter Druck geraten. Duisenberg erklärte in Wien, der Euro-Wechselkurs sei kein Ziel für die EZB und nur relevant, wenn er das Ziel stabiler Preise nicht unterstütze. "Das ist zurzeit nicht der Fall", sagte Duisenberg. Liebscher betonte, die Lage am Devisenmarkt sei "ganz anders" als bei der letzten Devisenmarktintervention der EZB.

Analysten interpretierten die Bemerkungen so, dass EZB-Interventionen zu Gunsten des Euros derzeit nicht anstünden. Michael Schubert von der Commerzbank sagte, die EZB erkenne wohl langsam, dass die Devisenmarkteingriffe vom vergangenen Herbst nur ein mittelfristiges Strohfeuer ausgelöst hätten. Die EZB hatte im September und im November 2000 bei Kursniveaus zwischen 85 und 86 US-Cent viermal zu Gunsten des Euros an den Devisenmärkten interveniert.



Der Kurs des Euros fiel direkt nach Duisenbergs Kommentar um gut einen halben US-Cent und rutschte bis zum Abend schubweise auf unter 84,6 US-Cents ab. Erstmals seit Ende November 2000 wurde der Euro unter 85 US-Cent gehandelt. Spätere Äußerungen von EZB-Vize Christian Noyer, eine Intervention sei eine "Option" aller Zentralbanken, verhallten an den Devisenmärkten nahezu ungehört.



Duisenbergs Kommentar steht im Widerspruch zu jüngsten Bemerkungen von Bundesbankpräsident Ernst Welteke. Dieser hatte noch vergangene Woche erklärt, ein schwacher Euro trage die Gefahr einer höheren Inflation in sich. Händler hatten dies als Andeutung von Interventionsbereitschaft verstanden.



Sie sehen die Aussichten für den Euro auf kurze Sicht nunmehr weiter eingetrübt. Eine Abwertung auf das im Oktober 2000 erreichte historische Tief von 82,31 US-Cent wird nicht ausgeschlossen. Folker Hellmeyer von der BHF-Bank sagte, Duisenberg habe dem Euro erneut einen Bärendienst erwiesen. Damit der Abwärtstrend gebrochen werde, müsse der Kurs nun Widerstände bei 86,20 US-Cent überwinden. Banken hatten ihre mittelfristigen Euro-Kurs-Prognosen in den vergangenen Tagen deutlich nach unten revidiert. Die DGZ-Deka-Bank sieht den Euro bis zum Jahresende nur noch bei 90 US-Cent. Die Commerzbank erwartet einen Kurs um 95 US-Cent.



Der Euro hat seit Jahresbeginn gut 10 Prozent an Wert gegenüber dem US-Dollar verloren. Gegenüber dem Yen büßte die europäische Währung rund sieben Prozent ein. Manche Analysten sehen den Abwärtstrend dennoch gelassen. Schubert sagte, die Abwärtsbewegung seit Jahresbeginn lasse keine Gefahren für die Geldpolitik erkennen.



Die Schwäche des Euros in den vergangenen Wochen führen Volkswirte überwiegend auf die sich verschlechternde wirtschaftliche Lage des Euro-Raums zurück. Auch gestern hatte der Euro seinen Abwärtskurs begonnen, nachdem die Zahl der französischen Arbeitslosen für April unerwartet gestiegen war. Die Banken hatten ihre Prognosen für das Wirtschaftswachstum 2001 zuletzt stark gesenkt. Für den Euro- Raum werden aber noch Raten zwischen zwei und 2,5 Prozent erwartet. Duisenberg bekräftigte, die EZB rechne mit einem Wachstum am oberen Rande dieser Spanne.



Die Prognose eines vergleichsweise kräftigen Wachstums im Euro- Raum wird jedoch verstärkt in Zweifel gezogen. Frankreichs Finanzminister Laurent Fabius sagte in Paris, der Euro-Raum werde die Auswirkungen der von ihm erwarteten harten Landung in den USA spüren. Auf ein Andauern der US-Abschwächung deutet hin, dass der regionale Einkaufsmanagerindex für Chicago im Mai von 38,9 auf 38,7 Punkte gefallen ist. Analysten hatten mit einem Anstieg auf 40,2 Punkte gerechnet. Die Federal Reserve Bank von Chicago erklärte, die US-Wirtschaft zeige ein erhöhtes Rezessionsrisiko.

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