Wachstumsunterschiede
Kein Einheitsbrei an Europas Börsen

Trotz Euroland-Euphorie bleiben Wachstums- unterschiede bestehen. Auch die Börsen entwickeln sich nicht im Gleichschritt. Das können Anleger ausnutzen.

DÜSSELDORF. Für die Chefvolkswirte reicht ein Begriff aus, um die Wirtschaftsleistung von rund 300 Millionen Menschen unter einen Hut zu bringen: Euroland. Der Eindruck entsteht, es handele sich um einen einheitlichen Wirtschaftsblock. In Wahrheit sind die Wachstumsunterschiede weiterhin gravierend. Auch die nationalen Börsen haben sich ihr Eigenleben erhalten. Und die Heterogenität wird noch zunehmen, wenn die Osterweiterung der EU wahr wird.

Von den 15 Mitgliedstaaten der Europäischen Union haben am 1. Januar 1999 insgesamt elf Kurs auf den Euro genommen. Griechenland kam als Nachzügler vergangenes Jahr hinzu. Für alle wurde zwar die Geldpolitik mit der Europäischen Zentralbank vereinheitlicht. Gleichzeitig sind die einzelnen Staaten aber weiterhin für ihre eigene Wirtschafts- und Finanzpolitik verantwortlich. Das so genannte "Subsidiaritätsprinzip" - das bedeutet, so viel wie möglich auf regionaler und so wenig wie nötig auf zentraler Ebene zu entscheiden - bietet für die Regierungen die Möglichkeit, sich vom "Einheitsbrei" abzuheben. Dass es immer noch regionale Besonderheiten gibt, zeigen auch die Börsenverläufe in Europa, die keineswegs synchron laufen und unterschiedliche Chancen für den Anleger eröffnen.

Auch die großen Fondsgesellschaften wie DWS oder DIT halten sich immer noch eine Reihe von Länder- oder Regionenfonds, obwohl doch die Analystenwelt angeblich nur noch in der Euroland-Kategorie denkt. Die Länderfonds haben auch in Zeiten der grenzüberschreitenden Denke noch ihren Platz. Ein Beispiel: Wer auf eine politische und wirtschaftliche Erholung in Lateinamerika spekuliert, kann dies über einen Länderfonds für Spanien und Portugal mit geringerem Risiko tun, als wenn er auf einen spezialisierten Emerging-Markets-Fonds setzt.

Von "Aufholeffekten" profitieren

Und der "Aufholeffekt" von Ländern wie Irland oder Griechenland gegenüber Frankreich und Deutschland schlägt sich immer noch in hohen Wachstumsraten nieder, die auch an den Börsen eine Rolle spielen. Ein Blick auf die Performance einzelner Fonds zeigt, dass man mit einer regionalen Spezialisierung die vergangenen Jahre oft besser gefahren ist als mit Branchenfonds. Auch die Großbanken beschäftigen weiter ihre Länderspezialisten - wenn sich dies nicht auszahlte, würde man sich einen derartigen Luxus wohl kaum leisten.

Befragt man die Volkswirte, so werden jede Menge Besonderheiten deutlich, die ansonsten mit dem Oberbegriff "Euroland" zugedeckt werden. Harald Jörg von der Dresdner Bank weist zum Beispiel darauf hin, dass Irland nach wie vor die größte Wachstumsdynamik hat. Das Land habe in den vergangenen Jahren stark von den EU-Subventionen profitiert und eine clevere Ansiedlungspolitik betrieben. Nach realen Zuwächsen beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 11,5 und 5,0 Prozent in 2000 und 2001 werde sich das Wachstum in diesem Jahr auf 3,5 Prozent weiter abkühlen, schätzt die Dresdner Bank - Zahlen, von denen die deutschen Politiker nur träumen können. Allerdings: Irland hatte sich als Standbein für amerikanische High-Tech-Firmen etabliert. Jetzt leidet die Insel unter der weltweiten Zurückhaltung bei Technologieinvestitionen besonders stark. Zudem ist die Börse in Dublin klein, und es gibt wenig Research für private Anleger.

Profiteure der EU-Osterweiterung

Das ist bei Österreich, Italien, Frankreich, dem Benelux-Raum und Spanien anders. Dresdner-Bank-Volkswirt Jörg sieht Österreich als einen der größten Profiteure von der kommenden EU-Osterweiterung. In Frankreich hingegen bleibe der private Verbrauch eine wesentliche Stütze. Denn dort seien etwa die Steuergesetze so ausgestaltet, dass die Energiebesteuerung bei steigenden Ölpreisen zurückgeht. Auch Spanien werde weiterhin überdurchschnittliche Wachstumsraten erreichen, glaubt Ralph Solveen, Volkswirt bei der Commerzbank. "Das Momentum bei den Reformen ist stärker als in anderen Staaten", sagt Solveen, trotz eines restriktiven Kündigungsrechts sei die Arbeitslosenquote deutlich gefallen.

Problematisch sei allerdings die Lohn-Preis-Koppelung, die bei einer Inflationsrate von rund drei Prozent zu steigenden Lohnkosten und damit zu Einbußen bei der Wettbewerbsfähigkeit führe. Trotzdem bleibt Spanien ein Vorzeigeland beim Wachstum, für dieses und nächstes Jahr werden von der Commerzbank BIP-Zuwächse von 2,0 und 3,3 Prozent prognostiziert gegenüber 1,5 und 3,0 Prozent für Euroland.

Weniger rosig schätzt die Dresdner Bank die Aussichten für die Niederlande ein. Die Einigung von Staat und Tarifparteien auf Lohnmäßigung habe zu einem ausgeprägten Arbeitskräftemangel und zu einer nachlassenden technologischen Dynamik geführt. Die Aussichten seien eher trübe, das reale BIP werde 2002 nur um 1,3 und im Jahr darauf um 2,5 Prozent wachsen. Und Italien sehen die Volkswirte nach wie vor im Mittelfeld, denn das Problem der hohen Staatsverschuldung harre weiter einer durchgreifenden Lösung. Bilanz der Volkswirte: "Die Wachstumsunterschiede in Euroland bleiben bestehen."

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