Wählen ganz einfach gemacht
Klick statt Kreuzchen

Frankreichs Bürger konnten erstmals in drei Städten elektronisch wählen. Das beste System soll schon bald flächendeckend eingesetzt werden - am kommenden Sonntag geht es aber erstmal zur Stichwahl zwischen Chirac und Le Pen.

Schafft er es, oder nicht? Gebannt starrten die TV-Moderatoren bei ihrer Berichterstattung über die Präsidentschaftswahl in Frankreich auf die Monitore. Premier Lionel Jospin hatte mehr als 16 % der Stimmen, der Rechtsaußenspieler Jean-Marie Le Pen ebenfalls. Die Zeit wurde quälend lang. Dann endlich waren die Stimmen ausgewertet: Le Pen hatte 0,68 % mehr Stimmen als Sozialist Jospin und wird am kommenden Sonntag neben Jacques Chirac zur Stichwahl antreten. Dabei hätte das Ergebnis viel schneller bekannt sein können. Voraussetzung: Flächendeckend hätten elektronische Wahlurnen zum Einsatz kommen müssen. Bisher aber befinden sich die Systeme noch in der Testphase - gleich drei verschiedene Techniken haben die Franzosen bei der aktuellen Präsidentschaftswahl unabhängig voneinander ausprobiert. Schon vom kommenden Jahr an soll das beste System das elektronische Wählen einfach machen.

Die jetzigen Tests belegen erste Erfolge: "Nach 1,4 Minuten waren 214 Stimmzettel ausgezählt", freut sich etwa Yannick Inrep. Er ist Chef des Vereins Aquitaine Europe Coordination und hat in Mérignac den ersten digitalen Wahlgang angestoßen. Die 63 000- Einwohner-Stadt im Umland von Bordeaux schien gut geeignet: "Fast alle Schulen sind ans Web angeschlossen, und der Bürgermeister versucht, das zu forcieren."

Des Bürgermeisters Zustimmung allein reichte indes nicht. "Außer dem Innenministerium musste auch noch die zuständige Behörde zustimmen", erinnert sich Daniel Caspelnerac. Der Direktor für Bürgerrechte diskutierte lange mit der Commission Nationale de l´ Informatique et des Libertés (CNIL), bevor der Datenschutz gesichert schien.

Schließlich wurde eines der 49 Wahlbüros ausgewählt. Mitmachen durften alle 699 Wahlberechtigten. Da es aber ein Test war, mussten alle Wähler zusätzlich zur elektronischen Stimmabgabe auch wie bisher üblich mit 16 Zetteln für alle Kandidaten in der Kabine entschwinden. 230 tippten zusätzlich auf den Computerbildschirm. "Vor allem Senioren fanden das System toll", wundert sich Caspelnerac.

Auch bei der elektronischen Wahl ist ein Ausweis erforderlich

Tester mussten zunächst einen elektronischen Fingerabdruck abgeben, der auf einer Karte gespeichert wurde. "Für Franzosen nichts neues, sie kennen das vom Ausweis. Schließlich wurde der Fingerabdruck hier erfunden", witzelt der Projektleiter. Anschließend konnten sie auf einem Touchscreen wählen.

Möglich macht es eine Software namens E-Poll, die eine europäische Entwicklung ist: Neben Siemens stecken France Télécom und das italienische Innenministerium sowie drei weitere Unternehmen im Projekt. "Auf Dauer könnte E-Poll in ganz Europa eingesetzt werden", hofft Inrep, der auch EU- Sachverständiger ist. US-Systeme will er keine: "Die basieren auf dem reinen Internet, das ist nicht sicher." Im Unterschied dazu nutzen die E-Poll-Vertreter ein privates Mobilfunknetz.

Konkurrenten stören sich an amerikanischen Lösungen weniger. In Vandoeuvre-Lès-Nancy etwa testete Olivier Simon eine US-Software. Das Projekt E- Démocratie der lothringischen Kleinstadt drohte allerdings fast zu scheitern: Da die Software von Election Systems die Wahl von daheim aus ermöglicht, untersagte die CNIL das Experiment. Simon musste sich an das Wahlgesetz von 1978 halten - und das kennt nur elektromechanische Wahlmaschinen in Wahllokalen an.

Also organisierte er um, stellte technische Wahl-Berater neben die Terminals. Gewählt wurde per Code und Nummer: Nach der Eingabe über die Tastatur konnte nun auch hier an einem Touchscreen gewählt werden. Simon verweist auf den Spareffekt: "Mit dem Papier kommen wir auf Kosten von etwa 50 000 Euro, elektronisch maximal auf ein Viertel", rechnet Simon vor. 60 % der Probanden nutzten das System auch - für den Organisator so ein Erfolg, dass er bei der anstehenden Stichwahl des Präsidenten noch weitere Wahllokale mit Geräten ausstatten wird. "Bei der Abgeordnetenwahl im Juni wollen wir ebenfalls E-Démocratie einsetzen", erzählt Simon - dann aber will er die Software E-Poll testen.

Jean-Claude Kourganoff kann sich für keines der beiden Systeme erwärmen. Schließlich repräsentiert er die französische Firma RDI, die auf Wahlsoftware spezialisiert ist. Gemeinsam mit dem US-Unternehmen Election System & Software vertreibt er ein Gerät namens I-Votronic. Das hat bei der Präsidentschaftswahl im 18. Pariser Bezirk auch den Oberbürgermeister der Hauptstadt überzeugt: "Ich würde gerne ganz Paris damit ausstatten", lobte Bertrand Delanoë.

Auch der I-Votronic hat einen Touchscreen. Die Wähler erhalten jedoch weder Nummern noch eine Karte. Sie identifizieren sich wie bei jeder Wahl mit ihrem Ausweis.

Kourganoff verweist darauf, dass der Staat Florida sich die I-Votronics gerade angeschafft hat. "Und in Frankreich haben wir den ersten Wahlversuch bereits 1992 gemacht", berichtet er. Wieder aber hat das Innenministerium und die CNIL das letzte Wort.

Am Jahresende, hofft Kourganoff, wird das Gerät genehmigt. Er rechnet damit, sich von 2003 an den Löwenanteil des elektronischen Wahlmarktes zu sichern. Und vielleicht bei den nächsten Präsidentschaftswahlen in 5 Jahren selbst zum I-Votronic statt zur Urne zu schreiten.


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Internet-Adressen

Die Städte Vandoeuvre...


...und Merignac...


...sowie das 18. Arrondissement von Paris stimmten elektronisch ab.


Weitere Informationen zu dem Projekt und Berichte zum ersten Einsatz in Italien.

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