Während der Hauptversammlung
Kommentar: Neuer VW-Chef blieb Antworten schuldig

Bernd Pischetsrieder ist der neue Vorstandsvorsitzende von Volkswagen, sein Vorgänger Ferdinand Piëch hat sich aus der Konzernspitze zurückgezogen. Das hätte gestern auf der Hauptversammlung in Hamburg den Startschuss für einen Neuanfang geben können. Doch aus Sicht der VW-Aktionäre ist das jährliche Treffen enttäuschend verlaufen.

Pischetsrieder hat seinen Auftritt nicht dazu genutzt, klare strategische Linien für die kommenden Jahre zu präsentieren. Doch klare Wort wären genau das, was der Volkswagen-Konzern derzeit braucht. Weltweit geht die Autonachfrage zurück, insbesondere in Deutschland und den anderen europäischen Ländern stockt der Absatz. Als größter Anbieter in Europa wird der Wolfsburger Konzern von dieser Marktschwäche am stärksten getroffen.

Die größte Unsicherheit besteht im Markenportfolio des Konzerns. Pischetsrieder hat sich zwar damit durchsetzen können, dass es heute eine "klassische" Markengruppe um VW und eine "sportliche" Säule um Audi gibt. Aber Pischetsrieder ist Antworten schuldig geblieben, was das im Detail bedeuten soll. Heute ist völlig unklar, wie sich Skoda von VW und Seat von Audi in den jeweiligen Markengruppen unterscheiden sollen. Besonders schwierig ist die Lage bei der spanischen Konzerntochter Seat. Dem Unternehmen aus Barcelona fehlt ein klares Markenprofil. Allenfalls auf der Iberischen Halbinsel besitzt Seat noch einen guten Ruf. Außerhalb Spaniens hat die Marke kaum eine Bedeutung, die Ertragslage ist mehr als mäßig. Eine Lösung könnte darin bestehen, die Marke komplett zu streichen und die Seat-Produktionsanlagen mit anderen Konzernmarken auszulasten. Doch Pischetsrieder hat sich dazu in Schweigen gehüllt und konkrete Äußerungen vermieden.

Für die künftige Luxusmarken-Strategie im Konzern gilt Ähnliches. Es mag für einen Bentley oder einen Lamborghini eine gewisse Berechtigung innerhalb des Unternehmens geben. Doch die Rechnung geht nur auf, wenn unter den edelsten Produkten aus dem VW-Konzern auch Synergien ausgenutzt und baugleiche Komponenten verwendet werden. Doch auch dazu gab es in Hamburg kaum Details. Die Zukunft von Bugatti - dem problematischsten Erwerb von Volkswagen - blieb ebenso im Dunkeln.

Ohne Antworten sind die Aktionäre auch in Sachen Nutzfahrzeuge nach Hause geschickt worden. Volkswagen hat vor zwei Jahren knapp 20 Prozent der Anteile des schwedischen LKW-Herstellers Scania erworben. Seitdem ist nichts passiert, Volkswagen hat nur die Anteile gekauft und ist nicht operativ ins Geschäft mit schweren LKW eingestiegen. Die Aktionäre hätten ein Recht darauf gehabt, endlich zu erfahren, was VW mit der Scania-Beteiligung erreichen will. Doch auch dazu hat sich Bernd Pischetsrieder nicht durchringen können. Der LKW-Sektor als Ganzes bleibt nicht stehen: Überall entstehen neue Allianzen im Nutzfahrzeugbereich, der Konkurrenzdruck nimmt zu. Volkswagen muss sich zu einer Entscheidung durchringen, wie es mit LKW und Transportern weitergehen soll.

Vor seiner Berufung zum Vorstandsvorsitzenden ist Bernd Pischetsrieder als Qualitätsvorstand bei Volkswagen angetreten. Das Wolfsburger Unternehmen hatte in der Vergangenheit bei dem einen oder anderen Modell Qualitätsprobleme. Diese Schwierigkeiten sollte Pischetsrieder beheben. Doch das war in Hamburg kein großes Thema - hoffentlich ist somit die Qualität bei VW nicht vollends aus dem Blickfeld geraten. Die Unklarheit überwiegt bei Volkswagen. Bernd Pischetsrieder muss in den kommenden Wochen konkrete Antworten auf die drängendsten Fragen geben. Wegen der aktuell schwachen Nachfragesituation kann es sich Volkswagen überhaupt nicht erlauben, in große Lethargie zu verfallen. Bernd Pischetsrieder muss jetzt aktiv werden.

Stefan Menzel ist beim Handelsblatt der Spezialist für die Automobilbranche.
Stefan Menzel
Handelsblatt / Korrespondent Automobilindustrie
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