Während eines Hafturlaubs prozessiert der ehemalige Faustkämpfer Rocchigiani in New York
Vom Champion zum Clown

Graciano Rocchigiani war mal Box-Weltmeister. Dann kam ein dubioser Verband, erkannte ihm den Titel ab und wollte nichts mehr von ihm wissen. Jetzt sieht man sich vor Gericht wieder.

NEW YORK. Der Verhandlungssaal 1106 des District Court of New York ist ein nüchterner Raum mit großen Fenstern und Zuschauerbänken. Vor dem Pult des Richters befindet sich ein halbrundes, rustikales Holzgeländer, und es passt natürlich, dass der Platz dazwischen so groß ist wie ein Boxring. Dort bestreitet der Berliner Graciano Rocchigiani, 38, seit Montag seinen wohl letzten großen Kampf. Die Seile fehlen, sein Gegner trägt keine Handschuhe und das Fernsehen ist auch nicht live dabei, doch letztlich entscheiden über Sieg oder Niederlage wieder einmal nicht Rocchigiani, sondern andere: Acht Geschworene und der ehrenwerte Richter Richard Owen ersetzen die Punktrichter im Verfahren mit dem Aktenzeichen 98-CV-6781. "Ick weeß nich, wat dat viele Jerede soll", sagt Rocky, "dit Janze is ne klare Sache."

So kann man es sehen. Im März 1998 boxte Rocchigiani um den Weltmeistertitel im Halbschwergewicht des World Boxing Council (WBC). Nach dem Sieg über den Amerikaner Michael Nunn wurde er zum Champion ausgerufen und in den WBC-Ranglisten als Titelträger notiert. Vier Monate später behauptete der Verband, der Berliner sei lediglich vorübergehend in dieser Funktion geführt worden, es handele sich, so WBC-Präsident Jose Sulaiman, "um einen Tippfehler". Um Rockys Titel boxte schließlich Superstar Roy Jones, von dem sich die WBC bessere Geschäfte versprach.

Rocchigiani klagt nun auf sieben Millionen Dollar Entschädigung, weil Verträge mit dem Sender Premiere über jeweils sechs Millionen Mark für seine nächsten Kämpfe platzten. "Man hat meinen Mandanten", so Rocchigianis Rechtsanwalt Peter Schlam, "vom Champion zum Clown degradiert."

Rocchigianis Leben war stets reich an Turbulenzen. "Die Leute denken doch, ich bin nicht ganz klar in der Birne", sagte er schon 1995 in einem Interview. Daran hat sich bis heute wenig bis nichts geändert. Derzeit sitzt er in Berlin eine zwölfmonatige Haftstrafe ab, weil er einen Polizisten attackiert hatte, nachdem er vorher bereits mehrfach wegen eines ähnlichen Delikts, Fahren ohne Führerschein und Trunkenheit am Steuer verurteilt worden war und seine damit verbundenen Bewährungsauflagen verletzt hatte. Für den New Yorker Prozess erhielt er Hafturlaub.

"Fluchtgefahr, das haben sie eingesehen, ist doch Blödsinn", befand Rocchigiani dieser Tage, "wo will man denn hin, wenn man keine 20 Millionen auf der Bank hat?" Er saß vor dem Gerichtsgebäude, zwischen der Brooklyn Bridge und Ground Zero, und sah ziemlich traurig aus. Das Haar von grauen Strähnen durchzogen, Hinterkopf und Gesicht übersät von Narben.

Keiner der Geschworenen hatte bislang von diesem Mann gehört, dessen Geschichte reich ist an tragischen Rückschlägen und Fehltritten. Doch diesmal, so scheint es, hat Rocchigiani einen mächtigen Fürsprecher in seiner Ecke. Richter Owen nannte das Verhalten der WBC schon vor der Verhandlung "völlig willkürlich und unfair", rief deren Anwälte wiederholt zur Sachlichkeit auf ließ keinen Zweifel daran, dass seine Sympathien beim Klägers liegen: "Fakt ist, dass der Verband keine logische Erklärung für sein Verhalten hat." Dass Owen ein harter Knochen ist, bewies er schon 1987: Damals brummte er dem New Yorker Unterweltboss Anthony "Tony Ducks" Corallo 100 Jahre Haft auf.

Rocchigiani wird New York womöglich als reicher Mann verlassen, denn zusätzlich zu den sieben Millionen Dollar können die Geschworenen jede erdenkliche Summe Schadenersatz festlegen. Schlam behauptete, die Praktiken der WBC hätten zum Elend seines Mandanten inklusive Trennung von Ehefrau Christine beigetragen. In solchen Fällen entscheidet in Amerika oft das Mitgefühl der Geschworenen.

Die werden den Kläger wohl nicht mehr im Ring erleben. Auf die Frage, ob er noch einmal boxen werde, antwortete der Berliner: "Dit warten wir mal ab. Ehrlich jesacht, ick globe, besser is nich."

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