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"Währungsunion bringt Großbritannien keinen Vorteil"

Interview mit Tony Blairs Ex-Wirtschaftsberater Derek Scott.

Warum reagieren die Briten so negativ auf Europa?

Europa hat sich ein Modell mit fixen Wechselkursen auferlegt, das in die 50er- und 60er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts gepasst hätte. Politiker aus den Nationalstaaten können heute ihre Bedingungen vor Ort immer weniger selbst beeinflussen. Und Projekte wie die Europäische Verfassung kranken an grundsätzlichen Problemen, etwa dass sich Entscheidungen nicht revidieren lassen. Ich persönlich möchte mich nicht aus Europa zurückziehen. Wenn aber die beiden Alternativen lauten: Verfassung oder Ausstieg, dann plädiere ich für den Ausstieg.

Sieht man nicht, dass Europa ein langfristiger Prozess ist?

Mir fehlt das Bekenntnis zu einer liberalen Wirtschaft in Europa. Selbst wenn sich große Länder wie Deutschland oder Frankreich zu grundlegenden Reformen entschließen, bekommen sie die falschen Zinsen, weil die von der Europäischen Zentralbank für alle gesteuert werden. Europa funktioniert, indem eine Reihe undynamischer Wirtschaften zusammengespannt wird. Wenn sich nicht alle gleichzeitig reformieren, haben einzelne Länder wenig Chancen.

Also muss Großbritannien doch aus Europa aussteigen?

Nein. Ich glaube auch nicht, dass wir das Rad zurückdrehen und wieder zu einem Freihandelsabkommen zurückkehren sollten. Ich sehe die Zukunft in einem "leichteren" Europa. Wir müssen bei Angelegenheiten wie der Justiz oder Verteidigung über den ganzen Kontinent kooperieren. Nationale Themen wie der Arbeitsmarkt sollten aber in den Ländern bleiben. Nur dann kann man mit einer einheitlichen Geldpolitik flexibel bleiben.

Sieht das Tony Blair genauso?

Es gibt keinen Zweifel, dass Blair dem Euro-Raum beitreten will - wie auch Gordon Brown, auch wenn er durch seine Rolle als Schatzkanzler die wirtschaftlichen Schwierigkeiten stärker im Blick hat als Tony. Dennoch müssen sie der Bevölkerung reinen Wein einschenken. Die so genannten "fünf ökonomischen Tests", die sich Britannien als Voraussetzung für den Beitritt auferlegt hat, sind Augenwischerei. Es gibt für Großbritannien keinen ökonomischen Vorteil, der Europäischen Währungsunion beizutreten.

Wie lange werden Blair und Brown noch zusammenhalten?

Die Beziehung hat ja schon eine ganze Zeit lang gehalten. Ich glaube, dass es auch nach der nächsten Wahl so bleiben wird. Wenn sich andere für die Nachfolge von Blair am Ende der nächsten Legislaturperiode in Position bringen, könnte das die beiden wieder stärker zusammenbringen.

Die Fragen stellten Matthias Thibaut und Felix Schönauer.

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