Waffengang belastet asiatische Volkswirtschaften
Mühsamer Vormarsch – Ökonomen müssen umdenken

Die Kriegskosten werden höher ausfallen als zunächst erwartet. Experten schließen eine Rezession nicht aus, sollte der Konflikt länger dauern.

DÜSSELDORF. "Es sieht so aus, als ob sich der Krieg in die Länge zieht. Die Alliierten brauchen dringend ein paar gute Nachrichten", sagte gestern Jim O?Neill, Ökonom bei der US-Investmentbank Goldman Sachs. Das sind neue Töne. Denn bisher gingen die meisten Ökonomen von einem kurzen Krieg aus, der nicht länger als sechs Wochen oder maximal drei Monate dauert. Dieses Szenario bereitet den Volkswirten noch keine Sorgen - erst wenn der Waffengang mehr Zeit erfordern sollte, schließen die Experten eine Rezession nicht mehr aus.

O?Neill steht mit seiner Skepsis nicht allein: "Ich wäre nicht überrascht, wenn der Krieg länger als zwei Monate dauern würde", sagte gestern, am zwölften Tag des Krieges, auch Tillman Brügg, Terror- und Kriegsexperte beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW).

Relativ pessimistisch äußerte sich am Montag auch Horst Siebert, scheidender Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), gegenüber dem ZDF-Morgenmagazin. Schon wenn der Krieg länger als vier bis sechs Wochen dauern sollte, schließt er "rezessive Tendenzen" für Deutschland nicht aus. Der Irak-Krieg werde auf jeden Fall mehr kosten als der Golfkrieg 1991. Für einen kurzen Krieg veranschlagt Siebert 100 bis 120 Mrd. US-Dollar, bei einer längeren Auseinandersetzung bis zu 1,6 Bill. Dollar. Der Golfkrieg habe rund 65 Mrd. Dollar gekostet.

Goldman-Sachs-Ökonom Ed Mc Kelvey befürchtet: "Die Periode der Verunsicherung dauert länger" - und die Kosten für den Krieg fielen höher aus, als in den vergangenen Wochen erwartet. Zwar hat Bush den Kongress bereits um weitere 75 Mrd. Dollar für den Krieg gebeten - "das kann aber zu wenig sein", warnt der Ökonom. Der Krieg werde mehr Infrastruktur zerstören und mehr Menschenleben kosten als zunächst angenommen. Zudem werde es schwierig sein, nach Kriegsende dauerhaften Frieden zu sichern. Mc Kelvey rechnet weiterhin nicht mit einer merklichen Erholung der Konjunktur nach Kriegsende. Bereits vor Kriegsbeginn habe die US-Konjunktur auf schwachen Füßen gestanden. Bei aller Skepsis bleibt die Bank aber bei ihrer Wachstumsprognose und rechnet mit einem Zuwachs des US-Bruttoinlandsprodukts von 2,1 % in diesem Jahr, nach 2,4 % im vergangenen Jahr. Und eines ist für McKelvey unumstritten: "Wir haben keinen Zweifel, dass die USA und ihre Verbündeten den Krieg gewinnen werden."

Die Volkswirte der Investmentbank Credit Suisse First Boston befürchten, dass eine mögliche schockartige Verteuerung des Ölpreises sich vor allem negativ auf die asiatischen Volkswirtschaften auswirken wird. Wenn ein Fass Rohöl 30 bis 35 Dollar kostet, werde der private Verbrauch im zweiten Halbjahr dieses Jahres in den asiatischen Ländern um 5 bis 20 % zurückgehen, lautet ihre Prognose.

Sollten die OECD-Staaten gleichzeitig in eine Rezession rutschen, dürfte der Rückgang nochmals stärker ausfallen, schätzen die Ökonomen. Ein Teufelskreis könnte entstehen: Weil Asien die global am stärksten wachsende Region ist, würde ein Rückgang des asiatischen privaten Verbrauchs das Wachstum weltweit schwächen.

Umgekehrt dürfte Asien aber auch deutlich stärker von einem möglichen Rückgang des Ölpreises nach dem Krieg profitieren. Der Internationale Währungsfonds (IWF) schätzt, dass ein um 10 Dollar niedrigerer Ölpreis das Wachstum in Asien um 0,8 % im ersten Jahr stimulieren wird - während das BIP in der Euro-Zone nur um 0,4 % steigen dürfte. Für die USA rechnen die Ökonomen mit der Faustformel, dass ein Anstieg des Ölpreises um 10 % das Wachstum des US-Wirtschaft im ersten Jahr um 0,2 % und im zweiten Jahr um 0,1 % verlangsamt.

Andere treiben die Zahlenakrobatik allerdings noch viel weiter: Der US-Volkswirt George L. Perry vom Washingtoner Think-Tank Brookings Institution schließt nicht aus, dass der Ölpreis im schlimmsten Fall auf 161 $ steigt. Das ist freilich eine Minderheitsmeinung.

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