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Wahl-Fang in Deutschland

Wie einst der Rattenfänger von Hameln sind Deutschlands Politiker derzeit auf Fischzug nach Wählerstimmen. Vor allem jüngere bzw. bislang unentschlossene Randgruppen stehen im Fokus der Wahlkämpfer. Die Äußerungen von Jürgen Möllemann zur Politik Israels und die unrühmlichen Attacken gegen den Zentralrat der Juden in Deutschland haben der FDP Stimmen vom politisch rechten Rand zugeführt. Das wollen Wahlforscher vor einigen Wochen erfahren haben. So sollen zum Beispiel Neonazis in ihren Kreisen für die FDP geworben haben. Doch insgesamt war die Aktion kontraproduktiv. In Wahl-Umfragen der vergangenen Wochen rutschte der FDP-Anteil wieder ab.

Guido Westerwelle, der sich durch frühere Auftritte etwa im Big-Brother-Container bereits als Freund der jungen Wähler outete, wollte mit einem eigenen Wagen auf der Love-Parade in Berlin mitfahren und verlorenes Stimmen-Terrain zurückgewinnen. Doch die Organisatoren des Techno-Spektakels versagten dem FDP-Chef die Teilnahme.

Jetzt richtete die FDP-Fraktion eine Anfrage an die Landesregierung Nordrhein-Westfalen, eine Love-Parade mitten im ehemaligen Kohlenpott auf dem Ruhrschnellweg auszurichten. Jürgen Möllemann in Kettenhemd und Lackleder-Shorts auf Wagen 1 - das wär?s. In ähnlichem Ambiente, aber in normaler Wahlkampf-Tracht trat bereits Guido Westerwelle auf. In einer Rede auf dem Kölner Schwulen- und Lesbenfestival bekräftigte der FDP-Kanzler-Kandidat seine Zustimmung zur eingetragenen Lebenspartnerschaft von homosexuellen Paaren.

Auf der Kölner Christopher-Street-Day-Parade forderte Grünen-Fraktionsvorsitzende Petra Müller: "Safer wählen - Stoiber verhindern." Die Union konnte auf der gleichen Veranstaltung unterdessen nicht kontern und auch nicht nach Wählern fischen, da sie kurzfristig ihre Teilnahme abgesagt hatte. Ihr Wagen hätte sich im hinteren Teil des Umzugs einreihen sollen - nahe PDS und Verdi.

Immerhin begaben sich CDU/CSU-Kanzlerkandidat Edmund Stoiber und CSU-Landesgruppen-Chef Michael Glos in der vergangenen Woche auch unters Jungvolk. In der Berliner Promi-Disko "90 Grad" zeigten sie vor geladenen Gästen und Fernseh-Teams Jugendnähe. Meist sportlich locker gibt sich bei jeder öffentlichen Gelegenheit der Kanzler. Kein Fußball ist vor Gerhard Schröder sicher. Dabei nimmt man dem derzeit vom Sommer-Theater um die Telekom gestressten Kanzler die jugendliche Frische durchaus ab. Doch ob Sportlichkeit und gewandte Rethorik zum Wahlsieg reichen, muss bezweifelt werden. Das SPD-Stimmen-Fischen braucht frische Ideen.

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