Wahl-Tagebuch
Kärrnern in Iowa

Endlose brettflache Weiten, knorrige Farmer: Die Wähler im US-Bundestaat Iowa sind eine besondere Herausforderung für die Präsidentschaftskandidaten.

Mit offener Jacke, offenem Hemdkragen und ohne Handschuhe steht John Hall vor dem Gatter, hinter dem sich über 100 Aberdeen Angus-Rinder drängeln. „I can take it“, sagt der 60-Jährige mit einem Schmunzeln, als wir ihn fragen, wie er die Kälte aushält. 19 Grad minus hat es an diesem Morgen, doch der Zwei-Zentner-Mann behält die Ruhe.

„Ich bin damit aufgewachsen“, sagt Hall als er eine nicht enden wollende Runde über seinen Hof dreht. Der groß gewachsene Mann mit den schottischen Vorfahren bewirtschaftet in der fünften Generation die Brookside Farm in Alkeny und ist ein echter „Iowan“: Knorrig, erdig, ein Mann, der Dich nach Deinem Händedruck bemisst und nicht nach Deiner Visitenkarte.

Und so ging es auch den Heerscharen der Kandidaten, die in den vergangenen Monaten in Iowa nahezu jeden Zentimeter umgepflügt haben. Sie mussten in dem Bundesstaat, der im Norden an Kanada grenzt, Menschen überzeugen, die sich von lautem Pomp nicht beeindrucken lassen. „Es sollte mich nicht wundern“, prophezeit entsprechend respektlos auch Hall, „wenn Hillary in den Knien schwach wird“.

Hall ist registrierter Demokrat, aber alles andere als ein blinder Parteigänger. „Sie glaubt, dass sie fehlerlos ist“, erklärt Hall. Doch genau das sei Hillary Clintons Problem. Dann greift Hall wieder zu der Blechbüchse mit den Crackern. „Ich bin schon hungrig geboren“, meint er mit Blick auf seine Leibesfülle. Und dann spricht er wieder über die Rinder, den Hof, das Ethanol und die Vorzüge von Maissirup als Futterersatz. Politik ist wichtig in dem US-Staat, der gerade die ersten Vorwahlen abgehalten hat. Aber Politik ist nicht alles.

Denn das Leben in Iowa geht weiter, wenn der Vorwahlen-Hype vorbei ist. Übers Wochenende wird zwar in den Dutzenden Fernseh-Talkshows noch darüber gerätselt, warum und wieso die 2,98 Millionen Einwohner von Iowa ausgerechnet so und nicht anders abgestimmt haben. Aber mit Verkündung des Ergebnisses ist Iowa erstmal abgehakt. Heute schon zieht der politische Wanderzirkus um nach New Hampshire, wo bereits am 8. Januar wieder gewählt wird.

Tausende Wahlkampfmanager, Reporter und Experten lassen die endlosen brettflachen Weiten rund um die Hauptstadt Des Moines hinter sich - und manche haben die schnurgeraden Highways und Interstates schlichtweg satt. Ökonomisch aber dürfte es sich für die Menschen in Iowa auch diesmal wieder gelohnt haben. Rund 65 Mill. Dollar zusätzlichen Umsatz spült die Tatsache, als erster US-Bundesstaat einen Caucus, Vorwahlen, abzuhalten, in die Kassen des Agrarstaates. Ihre Spitzenplätze im Wahlkalender verteidigen Iowa und New Hampshire deshalb mit Klauen und Zähnen. Nicht nur der Politik wegen.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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