Wahl-Tagebuch: Polit-Tourismus in New Hampshire

Wahl-Tagebuch
Polit-Tourismus in New Hampshire

Bill Clinton wirbt für seine Frau Hillary und tut das mit größtem Einsatz. Kaum eine Frage, kaum einen Autogrammwunsch lässt er offen. Das lassen sich viele Wähler nicht entgehen.

CLAREMONT. Sam und Jill warten seit über einer Stunde auf Bill Clinton. Der Ex-Präsident lässt sich Zeit mit seiner Ankunft im Opernhaus von Claremont in New Hampshire. Denn wenn der Ex-Präsident einmal in Fahrt kommt, dann antwortet er gerne ausführlich auf die Fragen der Besucher. So war das auch bei seinem vorherigen Stopp, als er in Keene einen „Downtown-Walk“ absolvierte.

Doch dann läuft ihm die Zeit davon. „Bill ist immer zu spät“, sagt einer, der ihn bereits seit Tagen in Iowa und New Hampshire beobachtet hat. Doch die Menschen warten geduldig auf den wohl derzeit beliebtesten Ex-Präsidenten.

Sam und Jill sind aus dem benachbarten Vermont nach New Hampshire gekommen, um Bill Clinton zu sehen. Die Wartezeit vertreiben sich die beiden damit, dass sie die Landkarte und die Entfernungen studieren. Am Vormittag bereits waren sie in Lebanon und haben dort Barack Obama gesehen, danach beobachteten sie den Republikaner John McCain in Hanover, jetzt sind sie bei Bill. Ob es dann noch für einen Trip zu Hillary reicht, die am Abend in einer High School in Salem auftritt ist fraglich. „Das schaffen wir nicht“, sagt Jill zu ihrem Mann, nachdem sie die Meilen zusammen addiert hat. „Reicht ja auch für heute“ gibt der zurück. Politikerschauen kann anstrengend sein.

Für viele Menschen in den ersten Bundesstaaten mit Vorwahlen sind die Tourneen der Kandidaten ein echter „event“. Favoriten sind dabei die Obama-Auftritte, die immer wieder den Glanz von Rockkonzerten haben: Sie sind laut, bunt und dynamisch. Aber auch John Edwards setzt auf Jugend und Rock. Auf den ersten Wahlstationen sind die Bewerber dabei noch hautnah zu erleben. Später, wenn in den großen Bundesstaaten gewählt wird, spielt sich die Präsenz vor allem über die Medien ab. Zudem sind dann meist schon viele der Kandidaten ausgeschieden und gar nicht mehr zu sehen.

Als nach eineinhalb Stunden Bill Clinton endlich mit weißgrauem Haar und reichlich müde auf die Bühne tritt, ist für einen langen Moment großer Respekt zu spüren. „Ihr habt mich immer gut behandelt“, erinnert Clinton an seine vergangenen Siege in New Hampshire. Dann bittet er darum, diese Sympathie auch auf seine Frau zu übertragen. Als Clinton dies sagt, wirkt er gar nicht so souverän, dafür aber ganz nah. „Das ist New Hampshire“, sagt Sam und Jill nickt. „So direkt würden wir einen solchen Mann sonst nie erleben“.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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