Wahlanalysen zeigen stärkste Verschiebungen der Nachkriegsgeschichte: Arbeiter kehren den Sozialdemokraten den Rücken

Wahlanalysen zeigen stärkste Verschiebungen der Nachkriegsgeschichte
Arbeiter kehren den Sozialdemokraten den Rücken

Selbst wenn die SPD die Zahlen der Wahlen bis ins letzte Detail analysiert, kann sie in den aktuellen Studien zum Wählerverhalten am Sonntag nur einen kleinen Trost finden.

DÜSSELDORF. Immerhin: Trotz des enormen Einbruchs der Sozialdemokraten in Hessen und Niedersachsen ist es der CDU im Vergleich zur Bundestagswahl nicht gelungen, neben den Prozenten auch die Zahl ihrer Wähler nennenswert zu steigern. Das riesige Plus in Prozenten erklärt sich analytisch betrachtet einzig daraus, dass die SPD-Wähler vom 22. September an diesem Sonntag in Massen daheim blieben. Auf 40 % beziffert das Meinungsforschungsinstitut Forsa die Zahl der Verweigerer, die im September ihr Kreuz noch bei den Genossen gemacht hatten. Deren Schmerzen dürfte das freilich kaum lindern. "Die SPD hat ein strukturelles Problem", bilanziert Forsa-Chef Manfred Güllner. "Das ist schlimmer, als wenn die Partei jetzt einfach nur verloren hätte."

Denn seit inzwischen Jahrzehnten haftet an den Sozialdemokraten das Stigma, eine demoskopisch prinzipiell vorhandene Mehrheit links der Union nicht für sich vereinnahmen zu können, auch wenn die sich von der Union noch viel weniger begeistern lässt. Und so liefen auch bei den Urnengängen in Niedersachsen und Hessen nur wenige Ex-Wähler der SPD ins Lager der Konservativen über. Sie verpassten Gerhard Schröder ihren Denkzettel lieber damit, dass sie den Wahlzettel links liegen ließen statt links zu wählen.

"Es ist aber nicht so, dass die SPD ihre Klientel nun samt und sonders vergrault hätte", meint Güllner. "Es liegt am Mobilisierungsproblem", und das sei fast schon zementiert. Gewonnene Wahlen der Vorjahre seien demnach eher Ausnahmen gewesen, insbesondere die Bundestagswahlen in 1998 und 2002. "Beide Male haben besondere Themen und besondere Personen eine entscheidende Rolle gespielt", sagt Güllner.

An der Wucht des jetzigen Resultates ändern solche Relativierungen freilich nichts. "Bei keiner Wahl in einem westdeutschen Flächenland gab es so umfangreiche Bewegungen zwischen den beiden großen Parteien", weiß Matthias Jung, Vorstand der Forschungsgruppe Wahlen. Auffällig war, dass mit 41 % in Hessen und 45 % in Niedersachsen untypisch viele der Befragten meinten, die Bundespolitik sei für ihre Stimme entscheidend gewesen.

Thematisch standen somit ökonomische Probleme im Fokus. Die Irak-Frage spielte keine Rolle. "Die Zustimmung zur rot-grünen Irak-Politik liegt weiter bei bis zu 86 % - nur hat das bei den Landtagswahlen keinen Niederschlag gefunden", sagt Güllner. So konnte sich die SPD bei keinem Thema, das bei diesen Wahlen wichtig war, entscheidend profilieren. Vielmehr wurde sie von der CDU in den Fragen Arbeitsmarkt, Wirtschaft und Finanzen deklassiert. Auch beim zweitwichtigsten Thema, der Schul- und Bildungspolitik, lag die Union in Niedersachsen wie in Hessen klar vorne.

Besonders stark hat die SPD in ihren Kerngruppen verloren: Bei Arbeitern büßte sie in Niedersachsen 17 Prozentpunkte, in Hessen 16 ein. Bei Gewerkschaftsmitgliedern waren es in Niedersachsen sogar 21, in Hessen 12 Punkte. Die CDU erzielte in diesen Gruppen laut Forschungsgruppe Wahlen in beiden Ländern fast genauso hohe Zugewinne.

In Niedersachsen geht das verheerende Ergebnis der SPD auch auf das persönliche Konto von Sigmar Gabriel: Während er zu Jahresbeginn als gewünschter Ministerpräsident noch knapp vor Christian Wulff lag (43 zu 41 %), fiel er in den vergangenen Wochen auf 38 % zurück, während Wulff an ihm vorbeizog.

Aber auch Hessens Ministerpräsident konnte nur bedingt überzeugen: Seine Beliebtheit ist laut Forschungsgruppe ausgesprochen niedrig. Zudem wird Roland Koch deutlich schwächer bewertet als seine Partei. Bei Ehrlichkeit, Glaubwürdigkeit und Sympathie schnitt er besonders schlecht ab.

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