Wahljahre sind Aktienjahre
Wie werden die Börsen auf die Wahl reagieren?

Wahljahre sind Aktienjahre - diese alte Börsianerweisheit gilt nicht mehr. Die Aussicht auf einen Regierungswechsel sei schon längst keine Garantie mehr für eine Börsenrally, erklären die Börsianer im Vorfeld der Bundestagswahl.

Reuters FRANKFURT. Denn wichtiger als das Ringen um politische Reformen sei heutzutage die Verfassung der Weltkonjunktur, und die sei bekanntlich schwach. Die Unterschiede zwischen den Regierungsparteien seien außerdem zu vernachlässigen, die Umsetzung der Wahlprogramme sei fraglich, begründen die Aktienprofis ihr Desinteresse an Schröder, Stoiber & Co. Zusätzlich würde das Loch in der Staatskasse alle Parteien gleichermaßen zu einem mehr oder minder deutlichen Sparkurs zwingen, heißt es.

Maastricht-Kriterien das Maß aller Dinge

"Wenn der Dax nach der Wahl mal 200 Punkte zulegt, dann haben wir Glück gehabt", heißt es in Händlerkreisen. Aktienkurse würden nicht von nationaler Politik gemacht, sondern hingen am Tropf der Weltmärkte. Außerdem würden sich die großen Parteien in ihren Programmen nur marginal unterscheiden. "Stoiber und Schröder sind beide unternehmenssektorfreundlich", sagt Thomas Meyer, Analyst bei Goldman Sachs. Zudem seien die Möglichkeiten der wirtschaftspolitischen Einflussnahme nur noch gering. "Heutzutage ist der Einfluß der Politik auf die Konjunktur nur noch klein", stellt Christian Jasperneite, Volkswirt bei M.M. Warburg. Geldpolitik mache die Europäische Zentralbank, Fiskalpolitik entfalle wegen der Verpflichtung zur Erfüllung der Maastrichtkriterien. So lag schon im vergangenen Jahr der deutsche Haushaltsfehlbetrag mit 2,7 % am oberen Rand der im Maastrichtvertrag vereinbarten Defizitgrenze von 3,0 % des Bruttoinlandsproduktes. In den ersten drei Monaten dieses Jahres sei das Limit bereits überschritten worden, heißt es in aktuellen Studien der Investmentbank Morgan Stanley.

Weltkonjunktur bestimmt das Tempo

"Mit leeren Kassen lassen sich eben keine teuren Wahlgeschenke machen", stellt ein Händler kurz und bündig fest. Das unterdurchschnittliche Wirtschaftswachstum der vergangenen zwei Jahre habe seinen Tribut gefordert, da bleibe wenig zum Verteilen übrig, was sich positiv auf die Aktienkurse auswirken könnte, sagt auch Elga Bartsch, Analyst von Morgan Stanley.

Die frühere Börsianerweisheit, wonach Wahljahre auch Aktienjahre seien, lasse sich heute nicht mehr bestätigen, sagen die Finanzfachleute. "Politische Börsenzyklen sind nicht nachweisbar", heißt es zum Beispiel in einer aktuellen Studie der Commerzbank. Zwar wurde mit der Amtseinführung Helmut Kohls eine mehrjährige Aktienhausse eingeläutet und auch mit Gerhard Schröder verdienten Anleger schnelle 10 %. "Doch die Konjunktur kommt nicht wegen eines Regierungswechsels in Schwung, sondern die Regierung wechselt, weil die Konjunktur schwächelt", sagt M.M. Warburg-Volkswirt Jasperneite. Außerdem machten den Anlegern immer mehr internationale Ereignisse zu schaffen, wogegen die Binnenkonjunktur nachrangig werde.

"Solange die Weltkonjunktur nicht anspringt, passiert hier gar nichts", stellt ein Händler fest. Die Unternehmensgewinne würden wegen der schwachen Weltwirtschaft in diesem Jahr noch mager bleiben. Zwar stieg das Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal um 0,2 %, doch der Konjunkturaufschwung ist noch ein sehr zartes Pflänzchen.

Statt einer Erholung sehen die Experten vorläufig noch Belastungen für den Aktienmarkt, und zwar sowohl auf der Zins- wie auch auf der Währungsseite. Wegen des starken Geldmengenwachstums erwarten immer mehr Volkswirte noch in diesem Jahr Leitzinserhöhungen in der Eurozone und womöglich auch in den USA. Die stark steigende Euro-Geldmenge signalisiere zunehmende Inflationsgefahren und mache eine baldige Leitzinserhöhung wahrscheinlicher. Damit würden allerdings Kredite verteuert. Die Kapitalkosten der Unternehmen würden dann wieder ansteigen und die Konsumenten würden ihr Portemonnaie noch verschlossener halten als bisher. In einem solchen Umfeld suchten Anleger ihr Heil eher in fest verzinslichen Wertpapieren als in Aktien, vermuten die Börsianer. "Sowas ist nicht gut für die Aktienkurse - egal wer gewählt wird, die fetten Jahre sind zunächst mal vorbei", fasst ein Händler die Aussichten für das Wahljahr zusammen.

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