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Wahlkampf à la Labour, Teil 2

In einem früheren Thread hatte ich über die Erfahrungen im britischen Wahlkampf berichtet und davon, dass man als Auslandskorrespondent von der regierenden Labour-Partei "vernachlässigt" wird, um es ...

In einem früheren Thread hatte ich über die Erfahrungen im britischen Wahlkampf berichtet und davon, dass man als Auslandskorrespondent von der regierenden Labour-Partei "vernachlässigt" wird, um es einmal so zu formulieren. Geschlossen hatte ich den Bericht mit der Vermutung, dass nationale Medien meine Erfahrungen wohl so nicht gemacht hätten - weil sie für die Regierung wohl wichtiger sind:

"Ich persönlich hätte gerne gesehen, ob die Partei auch Mitarbeiter der heimischen BBC oder des britischen Massenblatts "Sun" so rüde an der Tür abweisen würde. So etwas hätte zumindest schnell Neuigkeiten über eine sehr interessante Informationspolitik der regierenden Partei unters Volk gebracht."



Damit liege ich offenbar falsch. Denn offensichtlich verfährt Labour auch mit heimischen Medien ähnlich rüde. Das zumindest sagte heute Trevor Kavanagh, der Politik-Chef der britischen Massenzeitung Sun, vor ausländischen Journalisten. Die "Sun" ist das größte Boulevardblatt des Landes, die Auflage liegt bei mehr als drei Millionen, gelesen wird sie von rund zehn Millionen Briten. Es ist also nicht falsch zu sagen, dass sie für Politiker ein wichtiges Medium darstellt.

Doch das scheint Labour egal zu sein. Zwar halten die Politiker im Wahlkampf jeden Morgen eine Pressekonferenz ab - wie die anderen Parteien auch. Darüber hinaus bleiben die Medien jedoch so weit wie möglich außen vor. Bekannt ist bereits, dass bis auf die Liberal-Demokraten alle Parteien auf den obligatorischen Wahlkampf-Bus verzichten. Wer früher als Journalist aus der Nähe berichten wollte, konnte im Parteibus mitfahren und so "live" die Reaktionen der Menschen vor Ort sowie die Atmosphäre im Team einfangen. Nun ist der Bus abgeschafft, stattdessen fliegen Blair und Co. im Hubschrauber zu Terminen. Als offizieller Begründung gelten die vielen Termine in einem weit verzwe igten Terrain. Ein wichtiger Grund könnte jedoch darin liegen, dass Plätze für Journalisten in Hubschrauber in geringerer Zahl vorhanden sind und damit auch über einen etwaigen Fauxpas vor Ort weniger berichtet werden kann.Wie gesagt, das ist schon bekannt.

Neu war mir Kavanaghs Aussage, dass Labour zunehmend "willkürliche Regeln" aufstellt und damit eine adäquate Berichterstatung behindert. So würden zu vielen Terminen vor Ort nur Lokaljournalisten eingeladen. Wer als regelmäßiger Beobachter und Experte aus London anreise, werde abgewiesen. Auch wusste einer der einflussreichsten Print-Journalisten des Landes von einem interessanten Zwischenfall zu berichten. Bei einer öffentlichen Diskussionen habe eine Frau Regierungschef Blair viele kritischen Fragen zur Gesundheitsreform gestellt. Als ein Journalist im Anschluss daran die Frau befragen wollte, wurde er laut Kavanagh von einigen Helfern "physisch davon abgehalten", mit ihr zu reden.

Und selbst wenn es einmal Inter views gibt, haben die Wählkämpfer nicht viel zu sagen: "Wir haben uns längst daran gewöhnt, dass wir mit Politikern eine Stunde reden und am Ende noch immer nicht genug Material für eine Geschichte haben", sagt Kavanagh. Da kann ich nur (mit einer gewissen Ironie) sagen: Wohl dem, der gar nicht erst in die Veranstaltungen kommt.

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