Wahlkampf
Analyse: Stoiber bestätigt die Skeptiker

Wie Bombenhagel schlagen die Umfragen in der Union ein. Der sicher geglaubte Vorsprung ist selbst bei der Hausdemoskopin aus Allensbach perdu.

Die Mannschaft signalisiert SOS, die Führung sucht die Rettung allein noch in der Kampffrage an den Bürger: "Geht es dir heute besser als vor vier Jahren?" Das ist die dürftige Wegzehrung der Union für den Endspurt.

Doch was die CDU als Zuspitzung des Wahlkampfes verstehen will, ist ein "Zurück auf Los". Mit genau diesem den Bürgern verschriebenen Selbsttest hat die Union im Frühjahr ihre Kampagne gestartet. Damals allerdings surfte noch eine selbstbewusste Union auf der Welle der höchsten Zustimmung. Man war im Rausch. Nur wenige sahen die scharfe Klippe, das Handicap auf sich zukommen: Edmund Stoiber, den Kandidaten. Doch da überstrahlte die von der Demoskopie genährte Euphorie die Zweifel darüber, dass ein auf modern getunter bayerischer Ministerpräsident jene Authentizität aufbringen könne, um die lange Wegstrecke souverän durchzustehen. Jetzt ist aus der Skepsis Angst geworden. Die Zuversicht ist dahin.

Dabei war im Frühjahr 2001 ein Wunder geschehen. Nur zweieinhalb Jahre nach der ruinösen Spendenaffäre, in die sich die alte Parteiführung bis zur Selbststrangulierung verstrickt hatte, war die CDU urplötzlich wieder auf Augenhöhe mit der SPD. Kaum dem Abgrund entronnen, trumpfte sie wieder auf. Diese Herkulesarbeit hatte Angela Merkel fast solo vollbracht. Belohnt wurde sie von der Partei dafür nicht.

Im Gegenteil. Seitdem sich die Restgrößen des Systems Kohl, die Feudalherren in den Ländern, heimlich vor dem Parteitag im Dezember auf die Kanzlerkandidatur des Bayern geeinigt hatten, blieb mit dem späteren Canossa-Gang der Parteichefin nach Wolfratshausen auch das Symbol für die Erneuerung auf der Strecke. Denn jetzt musste einer das neue Image ausstrahlen, der dazu weder etwas getan noch das Talent dazu hatte. Prompt mussten Stoibermacher den CSU-Vorsitzenden auf progressiv und bundesdeutsch trimmen und ihn damit einer gehörigen Portion Authentizität berauben. Es ging ja nicht anders. Nur: Im Lauf der Zeit, je öfter Stoiber in der Öffentlichkeit oder auf dem Schirm auftauchte, verstörten seine Unsicherheit und Schachtelhuberei die Bürger. Was will der?

Allzu schwer fällt dem Herausforderer die Rolle des Frontmannes, des Kämpfers, der direkt nach Neuem strebt. Stoiber und sein überaltertes Schattenteam haben es nicht vermocht, den Bürgern neben einer fälligen Fundamentalkritik an der Regierung einen klaren Gegenentwurf anzubieten, ein eigenes, scharfes Profil. Nur diffus erkennt der Bürger Nuancen zur Regierungspolitik, manchmal gar keine, obwohl er doch eine Alternative sucht. Geradezu auf absurde Weise wurde die Mimesis beim zweiten TV-Duell sinnbildlich, als sich Kanzler und Kanzlerdarsteller auch noch in gleicher Kluft darboten.

Edmund Stoiber bleibt für den Rest der Kampagne ein Problem für die Union. Jetzt, ohne Vorsprung der Partei gegenüber der Regierung, die in Tritt kommt, müsste er wie elektrisiert kämpfen. Doch das gelang dem Bayern bisher allenfalls auf sicherem, heimischem Terrain, in Bayern oder auf Parteitagen. Die frühen Skeptiker fühlen sich jetzt bestätigt: Er reißt nicht mit und kann nicht klipp und klar, geradeaus, unmissverständlich und unumwunden formulieren, wohin die Reise gehen soll. Doch darauf, nur darauf kommt es noch an.

Jetzt sollen, so will es die Partei, überall in Deutschland die Plakatlandschaften mit der Weisheit blühen: "Deutschland braucht eine bessere Regierung!" Gewiss doch! Wäre ja noch schöner. Nur welche? Vielleicht doch die große Koalition - mit Kanzler Gerhard Schröder - und Vizekanzler Angela Merkel?

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%