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Wahlkampf im Web: Vor allem lustig

Die deutschen Parteien haben sich vor der Bundestagswahl auch für Online-Kampagnen gewappnet.

DÜSSELDORF. Das Ergebnis der Umfrage war klar. "Die Ökosteuer abschaffen?", fragte die FDP auf ihrer Homepage - und 83 % von knapp 10 000 Surfern entschieden: "Nein, sie ist sinnvoll." Für die Liberalen, schärfste Kritiker der Abgabe, ein Eigentor - und offenbar das Ergebnis einer konzertierten Aktion von Naturschützern und einigen grünen Landesverbänden: Sie hatten in E-Mail-Verteilern dazu aufgerufen, der FDP ihren Online-Ted zu verderben.

Was die FDP damit Anfang des Monats erlebte, gibt einen ersten Vorgeschmack auf den bevorstehenden Online-Wahlkampf. Zur Bundestagswahl am 22. September bemühen sich die politischen Parteien erstmals auch im Internet um eine durchgeplante und von professionellen Agenturen begleitete Auseinandersetzung um Personen und Programme.

Geboten werden den Internet-Nutzern die jeweilige Sicht auf die politische Lage, Chats, E-Mail-Kontakte, Diskussionsforen. Und da das noch nicht jedermann begeistert, wird auch auf den Faktor Spaß gesetzt: Die Konkurrenten versuchen, sich gegenseitig vorzuführen - mal mit sachlichen Argumenten, mal witzig mit E-Cards, Cartoons und Plakaten.

Der Wettkampf der Parteien im Cyberspace ist eine Folge der steigenden Internet-Nutzung: Die Stimmenfänger wollen die Wähler da abholen, wo sie sind. Und online ist inzwischen knapp die Hälfte der Bürger. "Die Parteien folgen dem Strukturwandel der Öffentlichkeit", sagt Stefan Marschall, Politologe der Universität Düsseldorf.

Zudem sind Surfer - viele sind ledig, jung und gebildet - eine attraktive Zielgruppe. Oft sind sie noch nicht auf eine bestimmte Partei festgelegt. "Die 25- bis 40-Jährigen sind wechselbereiter als andere Altersgruppen", urteilt Dieter Roth, Vorstand der Forschungsgruppe Wahlen.

Entsprechend lautstark werben die Parteien um die surfende Klientel. "Die Grünen sind Deutschlands Internet- Partei", behauptet ihr Wahlkampfmanager Rudi Hoogvliet. Auch die FDP will das Internet "zum zentralen Informations- und Kommunikationsmittel der Liberalen" machen, erklärte Bundesgeschäftsführer Hans-Jürgen Beerfeltz bereits 1998.

Die alte Tante SPD soll nach dem Willen von Parteimanager Matthias Machnig langfristig eine "Netzwerkpartei" werden. CDU-Sprecher Franz-Josef Gemein hält die von ihm mitverantwortete Homepage ohnehin für die beste. Und die PDS präsentierte vergangene Woche ihre Seiten für den Wahlkampf im Web. Bleibt Edmund Stoiber: Der Kanzlerkandidat der Union hat zwar bislang kein Wahlprogramm vorgestellt, aber seine Kandidaten-Seiten sind schon seit Februar online.

Der Direktkontakt mit dem Wahlvolk bringt den Parteien scheinbar viele Vorteile. Denn: Journalistische Analyse wird umgangen. Stattdessen werden ungefilterte Informationen vermittelt, welche die Spitzenkandidaten ins rechte Licht rücken sollen. Auch kleinere Parteien, die im Gegensatz zu SPD und Union seltener in Zeitungen und Nachrichten auftauchen, nutzen das Netz oft als Medium, um Botschaften unters Volk zu bringen.

Wie ein Online-Wahlkampf mit Erfolg geführt wird, haben die Verantwortlichen in Deutschland in den USA und Großbritannien gelernt. Wer dort seinem Lieblingskandidaten Geld spenden wollte, konnte das online per Kreditkarte tun, was mittlerweile auch die deutschen Parteien anbieten. Mitglieder und Sympathisanten wurden per E-Mail und SMS stets auf dem neuesten Informationsstand gehalten, es gab Anleitungen zum Bau von Unterstützer-Homepages.

Vor allem aber ging es lustig zu: Die Verulkung der Konkurrenz ist in den USA inzwischen Standard. In Großbritannien kursierten Online-Spiele mit tanzendem Premier und einem Torten werfenden Oppositionsführer.

Auch die deutschen Parteien setzen auf Web-Seiten, die für die einzelnen Spitzenkandidaten gestaltet sind. Der Wahlkampf wird damit weiter personalisiert. So haben FDP-Chef Guido Westerwelle und andere Spitzen-Liberale längst eigene Netz-Seiten, die Interessierte anlocken und als Wähler gewinnen sollen. Kanzler Schröders Seite unter www.bundeskanzler.de präsentierte er in der vergangenen Woche in neuer Fassung - vor allem die Rubrik für Kinder ("Kanzler for Kids") fand viel Beachtung.

Im Sommer, während der heißen Phase des Wahlkampfes, sollen weitere Offerten im Internet hinzukommen. "Wir wollen noch nicht all unser Pulver zu Beginn verschießen", meint Kajo Wasserhövel, der die Online-Kampagne der SPD koordiniert.

Was die Parteien im Detail geplant haben, wollen sie noch für sich behalten, damit die Aktionen jetzt nicht verpuffen oder die Konkurrenz sie abkupfert. So geschehen der CDU mit ihrem "Rapid-Response-Modell": Unter wahlfakten.de greift die CDU seit November aktuelle Aussagen des Gegners auf und kombiniert sie mit kompromittierenden Zahlen und Gegenargumenten. Die SPD fand die Idee so gut, dass sie prompt mit nichtregierungsfaehig.de konterte - hier werden die Schwächen der Union beleuchtet.

"Welchen Effekt die Online-Kampagnen auf den Wahlausgang haben, ist unklar", meint der Wahlforscher Roth. "Aber es verbessert auf jeden Fall das Image: Politiker wollen modern wirken, und deshalb setzen sie auch auf moderne Kommunikationsmittel."

Ein durchaus beabsichtigter Nebeneffekt: Wenn sich Spitzenkandidaten im Internet tummeln, wird ihre Fortschrittlichkeit auch Thema von Beiträgen der klassischen Medien.

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