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Wahlkampf im Zeichen des Regenschirms

Wie sollen Bürger wählen, wenn sie nicht lesen können? Dies ist wohl eine der wenigen Fragen, die sich in der deutschen Politik derzeit niemand stellt.

Wie sollen Bürger wählen, wenn sie nicht lesen können? Dies ist wohl eine der wenigen Fragen, die sich in der deutschen Politik derzeit niemand stellt. Wieso auch, gibt es doch in Deutschland wohl kaum noch Analphabeten - sie können nun wirklich nicht für das kuriose Wahlergebnis verantwortlich gemacht werden. In Ägypten dagegen sind Jahrzehnte nach den ersten Alphabetisierungskampagnien noch immer etwa 30 Prozent der Menschen Analphabeten. Dennoch sollen sie ab dieser Woche Mittwoch ihre Stimme in den drei Runden der Parlamentswahl abgeben können. Zwar bleiben die meisten Ägypter -ob lesekundig oder nicht- ohnehin zu Hause, weil das Parlament wenig Befugnisse hat. Oder weil sie es nicht geschafft haben, den bürokratischen Hindernislauf der Wahlregistrierung zu meistern. Nichtsdestotrotz zählt auch in Ägypten jede Stimme und so haben die über 5000 Kandidaten für die 444 Parlamentssitze neben ihrem Namen auch unterschiedliche Symbole auf ihren Plakaten. Sie sind auf den Wahlzetteln hinter die Namen der Kandidaten gedruckt und so können auch Analphabeten sicher gehen, dass sie nicht aus Versehen den Falschen wählen. In den Beduinendörfern im Südsinai wirbt ein Kandidat mit dem Flugzeug, der andere mit dem islamischen Halbmond. Zwar träumen viele Beduinen davon, auch mehr am wirtschaftlichen und technischen Fortschritt teilzuhaben, wie ihn das Flugzeug-Symbol verspricht. Aber der islamische Halbmond ist natürlich für Muslime ein Symbol, das die Herzen im Innersten berührt. So hatte denn auch Präsident Mubarak bei der Präsidentschaftswahl dafür gesorgt, dass er den Halbmond zugeteilt bekommt. Obwohl sein Herausforderer Ayman Nour das Büro der Wahlkommission hatte belagern lassen, um als erster seine Kandidatur anzumelden und sich damit den erfolgsträchtigen Halbmond aussuchen zu können. Wenig Chancen hat wohl der Kandidat, der im Sinai mit dem Regenschirm als Symbol wirbt: Dort hat es seit mehr als sechs Jahren nicht mehr geregnet. Oder aber er verspricht Regen, das wäre natürlich ein Erfolgsrezept.

Vielleicht sollte man auch in Deutschland darüber nachdenken, jeden Kandidaten mit einem Symbol zu versehen, das dessen Botschaft auf den Punkt bringt. So hätte Edmund Stoiber mit einer Hin- und Rückfahrkarte München-Berlin-München werben können. Dann hätten nicht nur die Wähler, sondern auch Frau Merkel sofort gewusst, woran sie sind. Guido Westerwelle, der im vorletzten Wahlkampf mit dem Guidomobil eine Art Symbol hatte, hätte im September unter dem Zeichen der Krawatte antreten und damit signalisieren können, dass er es diesmal ernst meint. Schröder hätte mit einem Wahlkampf im Zeichen des Stiers darauf vorbereiten können, dass er alles nieder zu rennen gedenkt, was sich ihm in den Weg stellt. Eigentlich sind die symbolischen Etiketten gar keine so schlechte Idee - sind sie doch manchmal aussagekräftiger als hunderte Wahlkampfreden.

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