Wahlkampf in Russland
Der doppelte Putin

Wladimir Putin pumpt sich im Wahlkampf zu seinem eigenen Gegenspieler auf und kritisiert seine eigene Partei. Es ist die Rolle eines Oppositionspolitikers, der verspricht, so richtig auszumisten, wenn das Volk ihm die Stimme gibt. Trotz aller Mühe gelingt der Spagat nicht so ganz.

MOSKAU. Die Organisatoren haben nichts dem Zufall überlassen: Das Gelände um das Moskauer Luschniki-Stadion ist weiträumig abgesperrt, die nach offiziellen Angaben 5 000 Unterstützer Wladimir Putins, die sich gestern dort für den mit Spannung erwarteten ersten Auftritt ihres Präsidenten auf dem "Forum der Unterstützer" einfinden, werden von Ordnern strategisch für die Fernsehkameras positioniert. Fahnenträger sollen für gute Bilder sorgen und dafür, dass die Halle gut gefüllt wirkt. So berichten später Anwesende - denn der Zugang für Journalisten ist streng reglementiert.

Nach offizieller Lesart kommen hier aus dem ganzen Land engagierte Bürger zusammen, die dem Präsidenten ihre Unterstützung dafür geben wollen, dass er als "nationaler Führer" Russland weiter in eine strahlende Zukunft führt - wie ist noch nicht ganz klar.

Wer die Organisatoren sind, ist auch nicht so ganz klar. Erst vergangene Woche hatte sich ein "Allrussischer Rat der Initiativgruppen zur Unterststützung Putins" in Twer konstituiert, dessen telegener Frontmann, der Anwalt Pawel Astachow die mediale Aufmerksamkeit geschickt einheizte, indem er von einer "Sensation" sprach, die Putin auf dem Forum verkünden werde. Auf dem Plakat hinter der Bühne prangt groß der Name der Partei, als deren Spitzenkandidat Putin in die Dumawahl am ersten Dezemberwochenende zieht: Einiges Russland. Die Akkreditierung der wenigen Journalisten wiederum besorgte die Präsidialadministration, auch wenn Putin-Sprecher Dmitrij Peskow jeglichen Bezug zu der Veranstaltung von sich weist.

Was die russischen Fernsehzuschauer später zu sehen bekommen, ist ein Wahlkampf-Spot: Der Präsident, im lässigen Anzug mit schwarzem Rolli, tritt wie ein Popstar auf die T-förmige Bühne mitten unter die jubelnde Menge und liefert eine durchschnittliche Wahlkampfrede, die im Prinzip alles Schlechte im Land auf die neunziger Jahre zurückführt, vor einer "Revanche" der Oligarchen warnt und natürlich das Ausland beschuldigt, sich in die inneren Angelegenheiten des Landes einzumischen.

Ziel sei es, Russland zu schwächen und den Weg für die schmutzigen Tricks seiner Gegner frei zu machen. "Leider gibt es immer noch durch ausländische Botschaften in unser Land eingeschleuste Leute, die sich auf ausländische Vermögen und Regierungen stützen und nicht ihr eigenes Volk unterstützen", erklärt der Präsident, während ihm hin und wieder ein einzelner Einpeitscher mit "Russland"-Rufen ins Wort fällt.

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