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Wahlkampf in Zeiten des Amok

Die Schuldigen sind schnell ausgemacht: Videospiele, Fernsehsender, Internet. Die Medien waren es, die den 19-jährigen Amokläufer von Erfurt zu seiner schrecklichen Tat trieben. Meinen jedenfalls die Wahlkämpfer von Union und SPD. Und überschlagen sich mit neuen Verbotsvorschlägen. Schily und Stoiber wollen unisono per Gesetz Gewaltspiele von Computern und Konsolen verbannen, Schröder schimpft über das Netz, aus dem sich "fast alles, was es an Schmutz und Schund gibt" besorgen lasse. Also will der Kanzler sich die Internet-Provider vorknöpfen und die Fernsehsender zu freiwilligen Selbstkontrollen drängen.

Ohne Zweifel haben die neuen Medien auch jede Menge widerlichen Gewalt-Dreck hervorgespült, der Ekel erregt und nicht in Kinderhände gehört. Und der zweifellos verheerende Auswirkungen auf eine verwirrte jugendliche Seele haben kann. Doch die Heftigkeit, mit der Politiker nun meinen, durch Medienverbote auf die Bluttat von Erfurt reagieren zu müssen, wirkt abstoßend. Es drängt sich der Verdacht auf, dass Handlungsfähigkeit vorgegaukelt werden soll, wo doch ein bedachtes Vorgehen gegen die Ursachen der Gewalt angebracht wäre. Doch die Parteien stehen fünf Monate vor der Wahl in einem scharfen Wettbewerb um die Lufthoheit über den Stammtischen, da muss auf den Putz gehauen werden.

Es ist aber zweifelhaft, ob Verbote überhaupt etwas bringen. Gewaltdarstellungen in Computerspielen und auf Fernsehmattscheiben werden deshalb nicht verschwinden. Es wird sie weiter unter der Ladentheke geben, sie werden von den Nutzern schwarz kopiert werden, und man wird sich Schund auch künftig aus dem Netz laden können, Verbot hin oder her. Statt nun den strengen Medienkontrollstaat herauszukehren, wäre es sinnvoller, dass sich die Verantwortlichen damit auseinandersetzen, was Jugendliche brauchen: Ihnen muss man Medienkompetenz beibringen und sie in ihrer Persönlichkeit stärken.

Wie aber tickte der Attentäter von Erfurt? Und welche Rolle spielen Medien bei derlei schrecklichen Gewaltausbrüchen tatsächlich, ob nun in Erfurt oder anderswo? Ein Blick in die Archive gibt zu denken: Es war im Jahre 1964, als ein offensichtlich geistig gestörter Mann in eine Schule in Köln-Volkhoven eindrang, acht Kindern mit einem Flammenwerfer tötete, zwei Lehrerinnen erstach und seinem Leben schließlich ein Ende setzte. Damals gab es weder Videospiele noch Internet und lediglich zwei öffentlich-rechtliche Fernsehsender mit kuscheligem Familienprogramm. Nur kranke und verletzliche Menschen, die ihrer Probleme nicht mehr Herr werden und dann fürchterliches Unheil anrichten - die gab es schon damals.

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