Wahlkampf
Kommentar: Schröders spannende Aufholjagd

Die frühen Vögel frisst die Katze, heißt es im Volksmund. Über Monate hinweg sahen Edmund Stoiber und die Union aus wie der frühzeitige Sieger der Bundestagswahl. Doch jetzt, auf den letzten Metern, scheint sich das Blatt zu wenden: Erstmals liegt die SPD in einer Umfrage vor CDU und CSU.

Zwar beträgt der bislang von einem einzigen Institut ermittelte Vorsprung nur einen Prozentpunkt. Interessant allerdings ist, dass die betreffende Umfrage unmittelbar nach dem zweiten TV-Duell erhoben wurde, aus dem nach allgemeiner Lesart der Kanzler als Sieger hervorging. Wird also die Wirkung des TV-Duells auf die Meinungsbildung grob unterschätzt? Immerhin erklärten 40 Prozent der Befragten, dass ihre Wahlentscheidung durch das Duell sehr wohl beeinflusst werde.

Gerhard Schröder spürt den Rückenwind auf der Zielgeraden, und er mobilisiert alle Kräfte: als Fluthelfer, Krisenmanager, Hartz-Reformer, Kriegsgegner - kein Tag vergeht ohne entsprechende Auftritte und Inszenierungen des "Chefsachen-Königs".

Natürlich bleibt auch der Herausforderer nicht untätig. Man fragt sich jedoch, ob die Gegeninszenierungen von Edmund Stoiber das Publikum in gleicher Weise locken. Das von der Union gestern termingerecht zum 11. September eingeforderte "Sicherheitspaket III" jedenfalls wirkt nicht gerade überzeugend. Als wahltechnisch schwer vermittelbar gilt auch Stoibers "Jein" zur Irak-Mission. Die entscheidenden Trumpfkarten des Kandidaten bleiben nach wie vor seine hohe Wirtschaftskompetenz im Kontrast zu Schröders schwacher Job-Bilanz. Aber gibt es sonst noch einen Trumpf, ein letztes Ass im schwarzen Ärmel? Wenn ja, dann müsste Stoiber ihn jetzt ziehen.

Ungeduldig warten die Parteien, ob weitere Umfragen den SPD-Vorsprung bestätigen. Falls nicht, dann passt ein anderes altes Sprichwort: Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.

Daniel Goffart
Daniel Goffart
Handelsblatt / Ressortleiter
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