Wahlprogramme
Gesundheitspolitik: US-Kandidaten wollen nur Symptome kurieren

Das US-Gesundheitssystem kämpft mit dem gleichen Problem wie das deutsche: Die Kosten steigen, und niemand will zahlen. Vor grundlegenden Reformen schrecken die Kandidaten für die Präsidentschaft jedoch zurück. Sie versprechen billigere Pillen und niedrigere Beiträge. Das marode Gesundheitssystem bleibt.

WASHINGTON. Wie in Deutschland ist auch in den USA die Gesundheitspolitik ein politisches Minenfeld. Das Interessengeflecht von Ärztelobbys, Pharmaindustrie, Versicherungskonzernen und Patienten schränkt den Spielraum für Politiker stark ein. Wie in Deutschland ist aber auch das amerikanische Gesundheitswesen erheblich reformbedürftig.

Millionen Amerikaner sind nicht krankenversichert und dennoch explodieren die Kosten. Im Präsidentschaftswahlkampf reden die Kandidaten George W. Bush und daher viel und gern über Gesundheitspolitik. Ihre Reformvorschläge zielen aber mehr darauf ab, bestimmte Wählergruppen zu beglücken, als das Gesundheitssystem von Grund auf zu erneuern.

Das US-Gesundheitswesen steht vor drei zentralen Problemen. Erstens waren 1999 42,6 Millionen Amerikaner -- 15,5 % der Bevölkerung - nicht krankenversichert. Das sind zwar dank der anhaltend guten Konjunktur 1,7 Millionen weniger als 1998. Aber weil die Anzahl der Unversicherten seit 1988 jährlich gestiegen ist, lebten 1999 immer noch drei Millionen US-Bürger mehr ohne Krankenversicherung als beim Amtsantritt von Präsident Bill Clinton 1993.

Zweitens steuert der Kern der staatlichen Gesundheitsfürsorge, das Versicherungssystem "Medicare" für Bürger über 65 Jahre, auf die Pleite zu. Wenn in den kommenden Jahren knapp 80 Millionen der so genannten Baby Boomer die Altersgrenze erreichen, wird sich die Zahl der Medicare-Versicherten mindestens verdoppeln. Im Jahr 2010 rutscht Medicare ins Defizit, 2025 droht die Pleite.

Drittens leidet das gesamte Gesundheitswesen unter einer Kostenexplosion. Die Prämien der privaten Krankenversicherungen klettern pro Jahr um 15 bis 30 %. Das schmerzt Unternehmen wie Bürgern gleichermaßen, denn sie bezahlen wie in Deutschland jeweils die Hälfte der Versicherungsprämien. Hauptgrund für die hohen Prämien sind die galoppierenden Kosten für verschreibungspflichtige Medikamente. Seit Jahren geben US-Bürger jedes Jahr 10 % mehr für Medikamente aus als im Vorjahr. 112 Mrd. $ waren es 1999 - 140 % mehr als 1990.

Die Präsidentenkandidaten haben ihre Lösungsvorschläge auf Wählergruppen zugeschnitten, um deren Unterstützung sie buhlen: Frauen und Rentner. Letztere verlangen vom neuen Präsidenten vor allem eine Absicherung von Medicare und wollen weniger für ihre Medikamente zahlen. Gore will die Medicare-Kasse durch Zuschüsse aus dem Haushalt entlasten und um ein Programm zur Übernahme von Medikamenten zu erweitern. Geschätzte Kosten: 253 Mrd. $ bis 2010.

Bush lehnt weitere Subventionen für Medicare ab. Er will das System vereinfachen - die Regulierungen von Medicare umfassen insgesamt 132 000 Druckseiten - und privaten Versicherungen ermöglichen, die gleichen Leistungen wie Medicare anzubieten, um den Wettbewerb zu beleben. Wie das konkret geschehen soll, hat Bush nicht erklärt. Aber den Preis seines Programms kennt er bereits: 158 Mrd. $.

Beim Thema Medikamentenpreise ist Bush zurückhaltender als Gore. Der Gouverneur von Texas will die Bürger durch Steuergutschriften animieren, private Versicherungen abzuschließen, die ihre Medikamentenkosten tragen. In die Defensive gerät Bush, weil die Pharmaindustrie, die sich vehement gegen Preiskontrollen à la Gore wehrt, zu seinen verlässlichsten Spendern gehört. 7,5 Mill. $ ließen Pharmafirmen Bushs Partei, den Republikanern, in diesem Wahljahr bereits zukommen. Gore wettert bei jeder Gelegenheit gegen die Pharmabranche, die auf Kosten der Verbraucher "exzessive Profite" einstreiche.

Nicht zu leugnen ist, dass Medikamente in Kanada oder Mexiko oft sehr viel billiger zu haben sind als in den USA. Auch investieren Pharmaunternehmen in Amerika mehr in die Werbung für ihre Produkte als in die Forschung für neue Medikamente. Seit 1995 sind die Werbeausgaben für Arzneimittel pro Jahr um 50 % auf 1,7 Mrd. $ gestiegen. Wer keine mächtige Lobby hinter sich hat wie die 42 Millionen Unversicherten, dem will weder Bush noch Gore helfen. Eine universelle Krankenversicherung für alle Amerikaner, die Bill Clinton den Bürgern im Wahlkampf 1992 versprochen hatte, ist kein Teil ihrer Wahlprogramme.

Die geringe Begeisterung der Kandidaten für umfassende Reformvorschläge hat einen guten Grund. Sowohl Bush als auch Gore haben vom Beispiel von Clinton gelernt, wie man mit einer grundlegenden Gesundheitsreform an den Interessengruppen scheitern kann.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%