"Wahnsinniger Konsolidierungsbedarf"
Gedämpfte Wachstumsaussichten für Windenergie

Den Erzeugern von Ökostrom wird in Zukunft ein kühlerer Wind entgegenwehen. Das Wachstumstempo besonders der Windkraftspezialisten werde sich mittelfristig deutlich verlangsamen, weil die Bauflächen für Windräder in Deutschland begrenzt und die Expansionspläne ins Ausland sehr teuer seien, sagen Experten. Nun stehe dem Sektor eine Welle von Übernahmen und Kooperationen bevor.

Reuters FRANKFURT. "Es besteht ein wahnsinniger Konsolidierungsbedarf, und es werden nur wenige überleben", fasst Merck Finck-Analyst Philip Bonhoeffer die Lage zusammen. Denn die überwiegend am Neuen Markt gelisteten Firmen seien zu klein und finanzschwach, um schnell im Ausland zu wachsen, ergänzt sein Kollege Patrick Hummel von der LB Baden-Württemberg. Fondsmanager setzen nun auf den Zusammenschluss der gering kapitalisierten Gesellschaften oder auf Kooperationen mit den klassischen Energieriesen.

An der Börse finden Windstrom-Firmen dennoch immer mehr Beachtung. Seit Montag gehört auch die Aktie von REpower Systems zum Auswahlindex des Neuen Marktes. Repower ist damit - neben Nordex, Plambeck und Umweltkontor - der vierte Spezialist für erneuerbare Energien im Nemax-50.

Ohne Zusammenschlüsse oder Kooperationen sei die Zukunft vieler Unternehmen der Branche zweifelhaft, meinen die Experten. "Sinnvoll wäre es, wenn sie sich zusammenschließen würden, um sich untereinander keine Konkurrenz zu machen und Kosten zu sparen", urteilt Activest-Fondsmanager Christian Zimmermann. In der Regel führen solche Konsolidierungen aber zu erheblichen Stellenstreichungen. Derzeit sind in der noch boomenden Windenergie-Branche rund 35.000 Menschen beschäftigt. Die rot-grüne Bundesregierung sieht gerade bei Ökostrom viel Potenzial für mehr Arbeitsplätze.

Neben Fusionen diskutieren Marktteilnehmer auch Kooperationen mit klassischen Energiekonzernen, die nicht nur regenerative Energieformen anbieten. "Besonders Versorger könnten Interesse an einer Zusammenarbeit haben, da sie vom Know-how der Öko-Unternehmen profitieren könnten," schätzt Deka-Fondsmanager Jörg Schneider die Situation ein. Die Ökostrom-Branche wäre ein durchaus attraktiver Partner mit einem gesamten Jahresumsatz von zuletzt immerhin mehr als sechs Milliarden Euro; der Großteil davon geht auf die Spezialisten für Windenergie zurück.

Selbst Konzerne anderer oder nur verwandter Branchen werden immer öfter als mögliche Partner genannt. So heben zum Beispiel die Analysten der Investmentbank Dresdner Kleinwort Wasserstein hervor, dass die Hamburger Nordex ein geeignetes Übernahmeobjekt für den Mischkonzern Siemens wäre, dessen internationale Konkurrenten wie General Electric zuletzt durch Akquisitionen in den Windenergiebereich vorgestoßen sind. In einem Reuters-Interview hatte Pieter Havenaar, der für Siemens die Sparten Energie und Logistik leitet, zuletzt gesagt, Siemens prüfe derzeit, ob es in den Markt für Windturbinen eintreten werde. Zugleich hatte er aber Spekulationen gedämpft, wonach Siemens an einer Übernahme der dänischen Vestas, dem weltgrößten Windunternehmen, Interesse haben soll.

Ein Hauptproblem der Branche sei, dass bereits fast alle möglichen Bauflächen im Land verbaut seien, sagen Experten. Die wachsende Zahl von Windrädern sogar in der unmittelbaren Nähe von Wohngebieten bringt zudem die Bevölkerung - besonders im Norden Deutschlands - zunehmend in Rage. Die Menschen beklagen das gestörte Landschaftsbild und die Lärmbelästigung.

Wegen der Bauproblematik liegen die Wachstumschancen nun vor allem im Bereich der im Meer erbauten Windkraftanlagen, sagen Analysten übereinstimmend. Die so genannten "Off-Shore-Anlagen" befänden sich jedoch erst in der Planung und könnten frühestens Mitte des Jahrzehnts in die Pilotphase gehen. "Für die großen Projekte der Zukunft - Off-Shore und internationale Expansion - braucht man zudem viel Geld", erklärt Analyst Hummel. Geld sei aber knapp, und das fördere wiederum die Konsolidierung.

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