Wall Street
Dokument der Gier

Dass während des Internet-Booms an der Wall Street die zügellose Gier regierte, ist inzwischen weithin bekannt. Was jedoch die US-Aufsichtsbehörden in den vergangenen zwölf Monaten auf mehreren Tausend Seiten zusammengetragen haben, übertrifft die schlimmsten Befürchtungen.

Dass während des Internet-Booms an der Wall Street die zügellose Gier regierte, ist inzwischen weithin bekannt. Was jedoch die US-Aufsichtsbehörden in den vergangenen zwölf Monaten auf mehreren Tausend Seiten zusammengetragen haben, übertrifft die schlimmsten Befürchtungen. Die jetzt vorgelegte Dokumentation über die Analystenskandale zeigt, wie hemmungsloses Gewinnstreben die größten Investmentbanken bis in ihre Spitze korrumpiert hat.

Aktienanalysen wurden geschönt, um Investmentbanking- Aufträge zu gewinnen. Lukrative Neuemissionen wurden Managern in die Tasche gesteckt. "Der kleine Mann, der nicht clever genug ist, die Nuancen zu durchschauen, mag irregeführt werden. Das ist die Natur unseres Geschäfts", schrieb ein Analyst von Lehman Brothers während der Boomzeit. Deutlicher kann man die systematische Verachtung für seine Kunden nicht ausdrücken.

Diese schamlose Abzocker-Mentalität war keineswegs auf die niedrigeren Ränge beschränkt. Die schlimmsten Verfehlungen haben sich ehemalige Staranalysten wie Henry Blodget von Merrill Lynch, Jack Grubman von Salomon Smith Barney und Frank Quattrone von Credit Suisse First Boston geleistet. Sie alle bezahlen dafür jetzt mit hohen Strafen. Weitgehend ungeschoren bleiben bislang die Führer der großen Wall-Street-Firmen. Sie haben jedoch beide Augen zugedrückt und damit erst jenes Klima geschaffen, in dem die ansteckende Gier sich ausbreiten konnte. Prominentestes Beispiel ist Citigroup-Chef Sandy Weill, der künftig nur noch im Beisein eines Anwalts mit seinen Analysten reden darf.

Tausende düpierter Investoren werden die Dokumentensammlung für Zivilklagen gegen die Banken und ihre Stars nutzen. Diese Sammelklagen können die Unternehmen nach Schätzung von Experten weitere fünf bis zehn Milliarden Dollar kosten. Den Vermögensschaden werden auch diese Beträge nicht decken. Zu Recht. Sind viele Kleinanleger doch blindlings wie die Lemminge den Empfehlungen ihrer Verführer gefolgt. Gier herrschte auf beiden Seiten.

Wichtiger als die Strafen seien die eingeleiteten Reformen, hat Bill Donaldson, Chef der Börsenaufsicht SEC, gesagt. Man sollte die Erwartungen nicht zu hoch schrauben. Aktienresearch und Investmentbanken werden zwar organisatorisch getrennt, bleiben aber unter einem Dach. Interessenkonflikte sind deshalb auch in Zukunft unausweichlich. Der Anleger sollte deshalb besser dem Ratschlag der Investorenlegende Warren Buffet folgen: Lass die Finger von Aktien jener Unternehmen, deren Geschäft du nicht verstehst!

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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