Wall-Street-Häuser treffen Vorsichtsmaßnahmen
US-Banken fürchten neue Terroranschläge

Seit dem 11. September war die Angst in den USA vor Terroranschlägen noch nie so groß wie derzeit. Die Finanzbranche zieht bereits Konsequenzen und bereitet sich für den schlimmsten Fall vor.

mm/pot/tmo NEW YORK. Seit einer Woche herrscht die zweithöchste Terror-Alarmstufe in den USA, am vergangenen Dienstag taucht plötzlich ein wahrscheinlich echtes Tonband Osama Bin Ladens auf und am Mittwoch rät die US-Regierung den Bürgern, sich mit Plastikfolien einzudecken, um ihre Fenster gegen Giftgasattacken abzudichten. Seit den Anschlägen vom 11. September war die Furcht vor Terrorangriffen noch nie so groß wie im Moment. Das gilt auch für das wichtigste Finanzzentrum der Welt an der New Yorker Wall Street. Banken und Behörden arbeiten mit hohem Druck an Notfallplänen, um Gefahren für das Finanzsystem abzuwenden.

Die Investmentbank Lehman Brothers hat für Sicherheitsfragen einen ehemaligen hochrangigen Mitarbeiter des US-Geheimdienstes CIA engagiert. Der soll dafür sorgen, dass das Lehman Geschäft sowohl von London als auch von New York aus dirigiert werden kann, falls einer der beiden Standorte ausfällt.

"Man weiß einfach nicht, was kommt", meint Thomas Russo. "Es könnte eine Attacke mit chemischen Waffen sein oder auch eine Atombombe. Wir haben uns auf das Allerschlimmste vorbereitet".

Das ist offenbar wörtlich gemeint. Jedenfalls berichten New Yorker Banker, dass Lehman in diesen Tagen Strahlenschutzschilder an seinen Gebäuden angebracht hat. Sie sollen die Bank vor einer so genannten "schmutzigen Bombe", die Nuklearmaterial enthält, schützen. Die Investmentbank wollte dies weder bestätigen, noch dementieren. Lehman war wie zahlreiche andere New Yorker Institute nach dem 11. September zunächst lahmgelegt.

Die Schäden und der Schock der Anschläge hatten das Finanzsystem schwer belastet. Weil die Abrechnungskapazitäten der Bank of New York ausgefallen waren, musste beispielsweise die Deutsche Bank mit ihren Ersatzsystemen in New Jersey einen großen Teil des Clearingverkehrs übernehmen. Wegen solcher Ausfälle mussten sich die Banken häufig auf mündliche Zusagen verlassen und sich auf dieser Basis Kreditlinien einräumen, die zum Teil über Tage hinweg offen standen.

Die Wiederholung eines solch riskanten Szenarios wollen die US-Behörden verhindern: In einem Richtlinienentwurf, den die Banken zur Stellungnahme erhielten, steht, dass jedes Finanzhaus über Ausweichstandorte in mindestens 300 Meilen Entfernung von der New Yorker Innenstadt verfügen solle. Auch wenn einige Finanzhäuser solche Maßnahmen für übertrieben halten, suchen viele doch schon nach Quartieren außerhalb Manhattans. Goldman Sachs hat nach eigenen Angaben seine Notfallkapazitäten nach dem 11. September noch einmal erhöht. Morgan Stanley, einst größter Mieter im World Trade Center, wird mindestens 150 Stellen nach Baltimore auslagern. JP Morgan sucht nach Geschäftsräumen in Florida. Die Bank of New York hat 80 Stellen im Anleihehandel in neuen Büroräumen in Orlando angesiedelt.

Ansonsten fühlen sich die meisten Banken gut vorbereitet. "Wir überarbeiten unsere Notfallpläne laufend, nehmen aber wegen der aktuellen politischen Entwicklung keine Änderungen vor", sagt Rohini Pragasam, Sprecherin der Deutschen Bank in New York.

Ähnliches gilt auch für die Finanzbranche in Deutschland. Für die Deutsche Börse in Frankfurt hat die Sicherheit der Handelssysteme Priorität. Ein plötzlicher Ausfall des Aktien- oder Terminhandels könnte zu beträchtlichen Verwerfungen im Finanzsystem führen. Deshalb sind alle wichtigen Systeme doppelt vorhanden, und zwar an verschiedenen Standorten in ausreichender Entfernung vom Finanzzentrum Frankfurt. Sollte ein System ausfallen, würde automatisch der Doppelgänger einspringen.

Auch die Banken sind verpflichtet solche Notfallsysteme bereit zu halten. "Dabei geht es um Gefahren aller Art, auch um Brände oder Erdbeben", erläutert eine Sprecherin der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht. Die Aufseher überprüfen diese Sicherheitsvorkehrungen permanent. Aktuell gehen die meisten Institute davon aus, dass sich die Gefahr verheerender Anschläge in Deutschland nicht akut erhöht hat. Eine weitere massive Verschärfung der Sicherheitsvorkehrungen gebe es daher derzeit nicht, heißt es bei der Commerzbank. Ähnlich äußert sich die Dresdner Bank.

Die meisten Frankfurter Großbanken und auch die Börse haben ihre Sicherheitsmaßnahmen nach dem 11. September überprüft und ständig an die aktuelle Situation angepasst. Im Fall der Börse heißt das: Wer auf das Handelsparkett will, muss eine Sicherheitsschleuse passieren. Und in der Zentrale im Frankfurter Stadtteil Hausen werden Mitarbeiter und Besucher bereits vor Betreten des eigentlichen Gebäudes an einem Wachhäuschen um die Ausweise geben. Kurz nach dem 11. September hatte es vorübergehend auch Kofferraumkontrollen gegeben.

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